Singebewegung

Zusammenfassung

Singebewegung (auch FDJ-Singebewegung) war in der DDR ab 1967 die offizielle Bezeichnung für die vom internationalen Folk-Revival inspirierte Liedkultur, die sich vor allem in Form der Singeklubs entwickelte. Zeitweise wurde Singebewegung auch als Sammelbegriff für das Singen in allen sozialen Gruppen und musikalischen Formen verwendet, es setzte sich jedoch durch, darunter lediglich das Wirken der Singeklubs zu verstehen.1Heinz Tosch: Singeklubs der Freien Deutschen Jugend und sozialistische Persönlichkeitsentwicklung, in: Elisabeth Simons u. a.: Erkundung der Gegenwart. Künste in unserer Zeit, Berlin 1976, 268–306, 268. Als sich die Singebewegung Mitte der 1970er Jahre differenzierte, sprach man von einer breiten Liedszene, und in den 1980er Jahren wurde z. T. die Bezeichnung „neues politisches Lied“2Klaus-Peter Schwarz: Das internationale „neue politische Lied“, Berlin 1988, Typoskript, Archiv der Akademie der Künste, Berlin, Sammlung Liedzentrum, Nr. 422. gebraucht.

Erbe

Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre, in der Zeit des antifaschistischen Neuanfangs und des beginnenden sozialistischen Aufbaus, hatte man in der DDR versucht, an die proletarisch-revolutionäre Tradition, das politische Lied der Arbeiterbewegung, anzuknüpfen. SED und FDJ waren vor allem an der solidarisierenden Funktion des gemeinschaftlichen Gesangs interessiert und förderten das sogenannte Massenlied. Mit den politischen Widersprüchen der 1950er Jahre wurde das jedoch zunehmend obsolet. Weiterhin in diesem Stil produzierte Lieder verloren mehr und mehr an Resonanz. Die neuen Lieder der Singebewegung verstanden sich daher als „Antithese zu den vorhandenen politischen Liedern“.3Reinhold Andert: Ich wollte eigentlich nie Liedermacher werden, in: Lutz Kirchenwitz (Hg.): Lieder und Leute. Die Singebewegung der FDJ, Berlin 1982, 142–146, 142.

Hootenanny

Anfang der 1960er Jahre gab es in der DDR eine Phase der kultur- und jugendpolitischen Liberalisierung. U. a. wurden junge Lyrik und Beatmusik gefördert. Der Liedermacher Wolf Biermann (* 1936) hatte seine ersten öffentlichen Auftritte. Musikalischen Einflüssen aus dem Westen stand man toleranter und differenzierter als früher gegenüber, insbesondere dem von den USA ausgehenden Folk-Revival (Joan Baez, Bob Dylan, Pete Seeger u. a.). Dazu trug wesentlich der seit 1959 in der DDR lebende kanadische Folksänger Perry Friedman (1935–1995) bei, der ab 1960 in mehreren Städten Hootenannys veranstaltete (ungezwungene Konzerte, bei denen verschiedene Künstler auftraten und das Publikum mitsang). Anfang 1966 gehörte er mit einer Gruppe junger Leute, der FDJ-Bezirksleitung und dem Jugendradio DT 64 zu den Gründern des Hootenanny-Klubs Berlin.

Hootenanny-Klub Berlin 1966; Jugendmagazin Neues Leben 7/1966 / Repro: Thomas Neumann

Das war eine Offene Bühne, jeder konnte kommen und mitmachen, und man brauchte keine Spielerlaubnis. Zu den ersten Liedermachern, die hier auftraten, gehörten Hartmut König (* 1947) und Bettina Wegner (* 1947).

Bettina Wegner 1966 / Repro: Thomas Neumann

Kulturpolitische Kampagne

Ende 1965/Anfang 1966 kam es im Umfeld des 11. Plenums des ZK der SED zu empfindlichen kulturpolitischen Rückschritten (u. a. Auftrittsverbot für Wolf Biermann und zahlreiche Beatgruppen). Ein Jahr später, am 8. 2. 1967, wurde durch einen Beschluss des Sekretariats des ZK der SED ein „entschiedener Kampf gegen die Tendenzen der Amerikanisierung auf dem Gebiet der Kultur“4Beschluß Nr. 165 des Sekretariats des ZK der SED vom 8. 2. 1967, SAPMO, DY 30/J IV 2/3A/5421. eingeleitet. Das bedeutete, dass die Verbreitung angloamerikanischer Musik in den Medien und die Verwendung englischsprachiger Bezeichnungen (Beat, Folksong, Hootenanny, Team usw.) eine Zeit lang sehr eingeschränkt wurden. Gleichzeitig setzte eine Kampagne für „eine breite sozialistische Sing-Bewegung unter der Jugend“5Beschluß Nr. 165 des Sekretariats des ZK der SED vom 8. 2. 1967, SAPMO, DY 30/J IV 2/3A/5421. ein. Im Unterschied zu früheren kurzlebigen Kampagnen baute diese jedoch auf etwas auf, was sich von unten entwickelt hatte. Der Hootenanny-Klub Berlin benannte sich daraufhin 1967 um in Oktober-Klub. Nach seinem Beispiel entstanden mehrere 1.000 Singeklubs. Die höchste Zahl an Gruppen (ca. 4.000) und die größte Resonanz beim Publikum hatte die Singebewegung 1972/73 bei der Vorbereitung und Durchführung der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin.

Die Klubs

Die Klubs waren anfangs offene Veranstaltungen, bei denen jeder auftreten konnte. Allmählich kristallisierten sich festere Kollektive heraus, meist mit wechsenlnden musikalischen Besetzungen.

Die Klubs vereinten kollektive künstlerische Arbeit mit geistiger Auseinandersetzung und Geselligkeit. Die besten Klubs wurden zu Sammelbecken für talentierte und kreative junge Leute und strahlten auf andere kulturelle Bereiche aus. Aus der Singebewegung kommende Textautoren wie Kurt Demmler, Werner Karma und Gerhard Gundermann sorgten für neue Akzente in Rockmusik, Schlager und Chanson.

Die bekannteste und produktivste Singeklub war der als Hootenanny-Klub gegründete Oktoberklub Berlin (1966–1990).

Oktoberklub 1968 / Repro: Thomas Neumann

Er hatte eine Leitbildwirkung in der Singebewegung, trat bei vielen politischen Veranstaltungen und Aktionen auf und organisierte eigene Veranstaltungsreihen wie den OKK (ab 1970 erste ständige Diskothek der DDR, ab 1977 Kellerklub im Haus der jungen Talente), das Festival des politischen Liedes (1970–1990) und „Ein Kessel Rotes“ (ab 1979). Neben normalen Liederabenden mit gemischtem Repertoire führte er auch revueartig gestaltete Programme mit kabarettistischen Elementen auf (u. a. 1972 Kantate Manne Klein und Liebesnachtschicht). Der Klub war eine Amateurgruppe, zeitweise mit einem halbprofessionellen Kern. Wichtige Autoren in den Anfangsjahren waren Hartmut König, Reinhold Andert (* 1944) und Kurt Demmler (1943–2009).

Reinhold Andert 1980 / Foto: Thomas Neumann

Einige Klubmitglieder arbeiteten später in kulturellen Institutionen oder machten künstlerische Solokarrieren. Die Mitglieder des Oktoberklubs waren „hundertprozentig rot, überzeugt, ehrlich“ (Reinhold Andert)6Reinhold Andert: Covertext zur CD „Oktoberklub. Das Beste“, 1995. und wollten die Gesellschaft aktiv mitgestalten. Mit der Verbindung von Politik und Unterhaltung brachten sie neue Elemente in die erstarrte politische Kultur der DDR ein, ließen sich jedoch auch für Repräsentationszwecke instrumentalisieren. Der Klub hatte in den Anfangsjahren eine durchaus bemerkenswerte Resonanz unter DDR-loyalen Jugendlichen, während Oppositionelle ihn als zu staatsnah ablehnten. Viele seiner Songs wurden zunehmend als einschichtig und phrasenhaft empfunden, Ende der 1980er Jahre wurden sie jedoch differenzierter und kritischer.

Neben Berlin war Dresden ab 1966 ein Zentrum der Singebewegung. Aus einem Hootenanny-Klub gingen die Folkloregruppe der TU Dresden, die gruppe pasaremos, die Songgruppe der TU Dresden (1974 Programm Begegnungen) und 1975 die professionelle Gruppe Schicht hervor. Sie führte 1976–1983 im Kulturpalast Dresden einige Musiktheaterinszenierungen auf (u. a. 1978 Musical P16) und unterhielt 1983–1992 eine eigene Spielstätte im Dresdner Vorort Reick. 1980–1983 veranstaltete Schicht die Werkstatt Lieder und Theater für junge Künstler verschiedener Genres. Textautor und Organisator war ab 1967 Bernd Rump (* 1947), der ab 1976 auch solistisch auftrat und 1979–1982 Vorsitzender der Zentralen Beratergruppe der FDJ-Singebewegung war.

1967 entstand auch in Hoyerswerda ein Singeklub, der sich ab 1978 Brigade Feuerstein nannte (existierte bis 1988) und durch seine Liedtheaterprogramme (1983 Arbeiter macht Arbeitermacht) und vielfältige Veranstaltungsaktivitäten (Feuersteins Musik-Podium) bekannt wurde. Textautor war Gerhard Gundermann (1955–1998), der ab 1980 auch solistisch auftrat und Texte für andere Gruppen schrieb, so ab 1988 für die Rockband Silly. Mit seinen ab 1992 veröffentlichten CDs verstand er es, das Lebensgefühl vieler Ostdeutscher nach der Vereinigung künstlerisch zu artikulieren und erlangte dadurch große Popularität.

Singebewegung und FDJ

Die Singebewegung war der Jugendorganisation FDJ zugeordnet, nicht den Institutionen der staatlichen Kulturarbeit. Das ermöglichte eine Reihe von Innovationen, führte aber auch zu kulturpolitischen Verengungen. Der FDJ ging es zunächst vorrangig um das gemeinsame Singen von traditionellen, bekannten Liedern und nicht so sehr um das Produzieren neuer Lieder. Die Rolle des gemeinsamen Gesangs ging jedoch zurück, und es entstanden mehr Vortrags- statt Mitsingelieder.

Die Singebewegung wurde von der FDJ gefördert und zugleich durch eine sehr direkte politische Instrumentalisierung und die Beschneidung ihres spontanen, geselligen Charakters deformiert und diskreditiert. Sie verlor dadurch viel Selbständigkeit und Spontaneität, behielt und eroberte jedoch auch Gestaltungspielräume und konnte Einvernahmeversuche immer wieder unterlaufen. Einige Kritiker und Gegner lehnten sie als „Kaiser-Geburtstag-Sänger“7Wolf Biermann: Ich bin nicht der einsame Sänger, Interview in: Ran 4/1975, 32. oder als „Inszenierung einer künstlichen, sozialistischen Jugendkultur“8Dorothee Wierling: Geboren im Jahr Eins. Der Jahrgang 1949 in der DDR. Versuch einer Kollektivbiographie, Berlin 2002, 331. radikal ab.

Die Singeklubs hatten Grundorganisationen, Kreis- oder Bezirksleitungen der FDJ als Partner. Zur Vorstellung künstlerischer Produktionen und zum Austausch von Erfahrungen fanden in wechselnden Städten der DDR zentrale Werkstattwochen der FDJ-Singeklubs statt. Ihnen gingen Werkstatttage in den Kreisen und Bezirken voraus. Zu den Werkstattwochen wurden Beratergruppen gebildet, bestehend aus Künstlern, Journalisten und Mitgliedern von Singeklubs. Die Zentrale Beratergruppe wurde ein ständiges Gremium (Vorsitzende u. a. Gisela Steineckert, Perry Friedman, Bernd Rump), das Entwicklungsprobleme der Singebewegung beriet. Mit den Werkstattwochen der Singeklubs (1967–1988), dem Festival des politischen Liedes (1970–1990) und dem Liedersommer (ab 1983) war die FDJ bis 1989 der größte Veranstalter auf dem Folk- und Liedermachergebiet.

Lieder

Musikalisch war die Singebewegung eine Mischkultur aus Folklore, Skiffle, Chanson und Rock. Man sang internationale politische Lieder (zum Teil in Nachdichtungen), selbst geschriebene Lieder sowie traditionelle Volks- und Kampflieder. Die Eigenschöpfungen waren konkreter, gelöster und unpathetischer, hoben sich vielfach wohltuend ab von den Phrasen und Klischees früherer Massenlieder und Schlager. Viele Liedermacher identifizierten sich zumindestens anfangs mit der Idee des Sozialismus und der DDR, wollten „ehrliche Lieder […] für das eigene Vaterland“9Gisela Steineckert: Covertext zur LP „Unterm Arm die Gitarre – 15 Jahre Singebewegung“, 1981. schreiben. DDR-konkret hieß ihr Motto, und es bedeutete „Alltag besingen, wie er ist“.10Reinhold Andert: Ich wollte eigentlich nie Liedermacher werden, in: Lutz Kirchenwitz (Hg.): Lieder und Leute. Die Singebewegung der FDJ, Berlin 1982, 142–146. Auch Widersprüche zwischen proklamierter Ideologie und Realität wollten sie offen und deutlich artikulieren. Diese Lieder stießen jedoch bei Medien und Veranstaltern oft auf Widerstände, wurden ignoriert oder zensiert. Gefördert wurden stattdessen vielfach affirmative, von Wunschdenken getragene Lieder.

Festival des politischen Liedes

Das Festival des politischen Liedes, das von 1970 bis 1990 in Ost-Berlin stattfand, begann als kleines Jubiläumskonzert des Oktoberklubs und wurde zur größten Veranstaltung der Singebewegung (Hauptveranstalter ab 1974 Zentralrat der FDJ) und einem der bedeutendsten Musikfestivals der DDR überhaupt.

Plakat 4. Festival des politischen Liedes 1974 / Repro: Thomas Neumann

In den 1980er Jahren nahmen jeweils rund 50 KünstlerInnen/Gruppen aus 30 Ländern teil. Sie traten in 40–50 Veranstaltungen mit 60.000–70.000 Zuschauern in großen Sälen wie dem Palast der Republik, der Werner-Seelenbinder-Halle und der Volksbühne auf. Festivalzentrum und geselliger Treff war das Haus der jungen Talente. Zu den Mitwirkenden gehörten Billy Bragg (Großbritannien), Miriam Makeba (Südafrika), Quilapayún (Chile), Pete Seeger (USA) und Mikis Theodorakis (Griechenland), Franz Josef Degenhardt, Floh de Cologne und Hannes Wader aus der BRD sowie Reinhold Andert, Gerhard Gundermann, Karls Enkel, Oktoberklub und Hans-Eckardt Wenzel aus der DDR. Zwar hatte das Festivals zum Teil repräsentativen Charakter, der Spielraum für kritische Diskussionen war begrenzt, und es gab Zensur und Verbote bei einigen DDR-Künstlern, aber das Festival war auch ein Fenster zur Welt, eine kreative Insel, ein „politischer Karneval“,11Hans-Eckardt Wenzel: Covertext zur CD „Festival des politischen Liedes. Die Achtziger“, 2000. der den DDR-Alltag kurzzeitig außer Kraft setzte. Es war vom Oktoberklub initiiert worden und blieb trotz zunehmender Förderung und Institutionalisierung durch Staat, SED und FDJ zu großen Teilen ehrenamtlich und bewahrte eine gewisse Spontaneität. Die künstlerische Palette des Festivals war breit, reichte von Amateurdarbietungen bis zu professioneller Kunst, von Folk und Chanson über Rockmusik bis zu Werken der musikalischen Avantgarde. Nach dem Ende der DDR wurde die Tradition des Liedfestivals vom ZwischenWelt Festival (1991–1994) und vom Festival Musik und Politik (2000–2019) fortgesetzt.

Differenzierungsprozess

Als die Euphorie der X. Weltfestspiele 1973 vorbei war, geriet die Singebewegung in die Krise. Ein Prozess der politischen Desillusionierung und der ästhetischen Differenzierung setzte ein. In Abgrenzung von der Überbetonung des politischen und des Laiencharakters der Singebewegung entwickelte sich die Liedertheater (Karls Enkel, Schicht, Brigade Feuerstein), die den Kunstcharakter ihrer Arbeit betonten.

Plakat Hammer=Rehwü (Karls Enkel, Wacholder, Beckert/Schulz) 1982 / Repro: Thomas Neumann

Sowohl von der Singebewegung als auch vom Liedertheater grenzten sich ab 1976 Folkloregruppen wie Folkländer, Wacholder und andere ab. Sie knüpften an die oppositionellen Elemente der Tradition an und betonten vor allem das gesellige und spontane Moment. Wurzelnd in der Singebewegung, teils noch in ihrem Rahmen, teils in demonstrativer Abstoßung von ihr, entwickelten sich ab Mitte der 1970er Jahre eine breitere Liedszene und neue Veranstaltungsformen, so etwa die Folklorewerkstätten in Leipzig (1976–1989), die Chansontage in Frankfurt (Oder) (1973–1990) und Kloster Michaelstein (1976–1984) oder die Werkstatt Lied & Theater in Dresden (1980–1984).

Eine einschneidende Zäsur stellte die Ausbürgerung Wolf Biermanns im November 1976 dar. Zahlreiche Künstler protestierten gegen diese Entscheidung der SED-Führung. Ein Prozess setzte ein, der zum Weggang bzw. zur Abschiebung vieler unbequemer Künstler führte (u. a. Gerulf Pannach, Bettina Wegner, Stephan Krawczyk), aber auch zu größerer Flexibilität der Kulturpolitik. In den 1980er Jahren kam es zu einem Boom der Liedermacher, die mehr und mehr eine Ersatzfunktion für die nicht funktionierende gesellschaftliche Öffentlichkeit übernahmen. Dafür wurde ihnen im Veranstaltungsleben ein gewisser Spielraum eingeräumt, wenngleich ein ständiges Misstrauen seitens der Kulturbehörden vorhanden war und die Stasi-Chefs schon bei dem Wort Liedermacher „stumpfe Zähne“12Peter Wicke und Lothar Müller (Hg.): Rockmusik und Politik. Analysen, Interviews und Dokumente, Berlin 1996, 179–192, 185. bekamen, wie ein MfS-Mitarbeiter später im Interview sagte.

Wende

Die Liedermacher hatten in der Anfangszeit der Wende Hochkonjunktur, dann jedoch brachen schlechte Zeiten für sie an. Sie verloren nicht nur ihre alte Funktion, sondern auch manche Vision und zum Teil ihre Existenzgrundlagen. Erst allmählich erfuhren Ostprodukte, Ostrock etc. wieder größere Wertschätzung und eine differenziertere Betrachtung. Dabei zeigte sich auch, dass die Erinnerung an die Singebewegung bei vielen Ostdeutschen lebendig und noch immer ein Stück ihrer kulturellen Identität war. Das bewies zum Beispiel die große Resonanz, die Gerhard Gundermanns Auftritte in den 1990er Jahren und der über ihn 2017/18 von Andreas Dresen gedrehte Spielfilm hatten.

Gerhard Gundermann / Foto: Thomas Neumann

Der Verein Gundermanns Seilschaft macht es sich zur Aufgabe, seine Lieder lebendig zu halten, viele Sänger und Bands covern sie. In Berlin pflegt der Verein Lied und soziale Bewegungen seit 1991 mit einem Archiv, Ausstellungen, Festivals und Publikationen das Erbe der Liedermacher- und Singebewegung der DDR.

Forschungsgeschichte

Die erste wissenschaftliche Betrachtung der neuen Singebewegung unternahm 1968 eine Gruppe von Kulturwissenschaftsstudenten der Berliner Humboldt-Universität. Modellfall Singeklubs13H. Pietsch u. a.: Modellfall Singeklubs, Teilveröffentlichung in: Forum 22/1969. hieß ihr Untersuchungsergebnis, und es hob den offenen Charakter der Klubs und den Aspekt der Selbstorganisation hervor. Diesen Ansatz baute Lutz Kirchenwitz Mitte der 1970er Jahre aus und benannte Probleme, die nach den X. Weltfestspielen hervorgetreten waren (einseitige Betonung des Affirmativen, Rückgang des geselligen Moments).14Lutz Kirchenwitz: Thesen zur Singebewegung der FDJ, in: Weimarer Beiträge 4/1976, 152‒160; wiederabgedruckt in: Peter Lübbe (Hg.): Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED 1975‒1980, Stuttgart 1984, 249–255 (Dok. 69). 1988 beschrieb Birgit Jank die Entwicklung des politischen Liedes und der Singebewegung einschließlich der Differenzierungsprozesse der 1970er und 1980er Jahre.15Birgit Jank: Politisches Lied und FDJ-Singebewegung, in: Rüdiger Sell (Hg.): Kleine Liedkunde, Berlin 1988, 144–160. Olaf Schäfer verstand seine 1998 veröffentlichte Analyse der Musikkultur der FDJ als Beitrag zur Totalitarismusforschung und entdeckte aus dieser Sicht vor allem „verordnetes Liedgut“, „falsche Kollektive“ und manipulative Erscheinungen.16Olaf Schäfer: Pädagogische Untersuchungen zur Musikkultur der FDJ. Ein erziehungswissenschaftlicher Beitrag zur Totalitarismusforschung, Berlin 1998. 2004 legte Holger Böning eine komparative Betrachtung des politischen Liedes in der Bundesrepublik und der DDR vor und untersuchte darin u. a. das Geflecht von Utopie und Realität in der Singebewegung der DDR.17Holger Böning: Der Traum von einer Sache. Aufstieg und Fall der Utopien im politischen Lied der Bundesrepublik und der DDR, Bremen 2004. Cornelia Bruhn arbeitet gegenwärtig an einer Dissertation über die FDJ-Singebewegung als Erfahrung von sozialistischem Alltag, politischen Auseinandersetzungen und gesellschaftlichen Visionen.18Cornelia Bruhn: Lieder für den Sozialismus. Die FDJ-Singebewegung (1966–1990) als Erfahrung von sozialistischem Alltag, politischen Auseinandersetzungen und gesellschaftlichen Visionen (Arbeitstitel), Diss., Friedrich-Schiller-Universität Jena, in Vorbereitung (ca. 2022).

Literatur

Einen Überblick über die Entwicklung der Singebewegung gibt das Buch Folk, Chanson und Liedermacher in der DDR – Chronisten, Kritiker, Kaisergeburtstagssänger.19Lutz Kirchenwitz: Folksong, Chanson und Liedermacher in der DDR, Berlin 1993. In der Broschüre Lieder aus einem verschwundenen Land20Konzertforum Lieder aus einem verschwundenen Land, Schwerin 1998. kommen die Liedermacher Reinhold Andert und Stephan Krawczyk zu Wort, und es werden die Entwicklung der Folkszene und des Liedertheaters dargestellt. Erfahrungen mit der Singebewegung in einer Bezirkshauptstadt der DDR schildern Zeitzeugen in dem Band Singe in der DDR. Variante Frankfurt. Ein Bewegungsbuch.21Jürgen Maerz (Hg.): Singe in der DDR. Variante Frankfurt. Ein Bewegungsbuch, Frankfurt (Oder) 2002.

Anmerkungen

  1. Heinz Tosch: Singeklubs der Freien Deutschen Jugend und sozialistische Persönlichkeitsentwicklung, in: Elisabeth Simons u. a.: Erkundung der Gegenwart. Künste in unserer Zeit, Berlin 1976, 268–306, 268.
  2. Klaus-Peter Schwarz: Das internationale „neue politische Lied“, Berlin 1988, Typoskript, Archiv der Akademie der Künste, Berlin, Sammlung Liedzentrum, Nr. 422.
  3. Reinhold Andert: Ich wollte eigentlich nie Liedermacher werden, in: Lutz Kirchenwitz (Hg.): Lieder und Leute. Die Singebewegung der FDJ, Berlin 1982, 142–146, 142.
  4. Beschluß Nr. 165 des Sekretariats des ZK der SED vom 8. 2. 1967, SAPMO, DY 30/J IV 2/3A/5421.
  5. Beschluß Nr. 165 des Sekretariats des ZK der SED vom 8. 2. 1967, SAPMO, DY 30/J IV 2/3A/5421.
  6. Reinhold Andert: Covertext zur CD „Oktoberklub. Das Beste“, 1995.
  7. Wolf Biermann: Ich bin nicht der einsame Sänger, Interview in: Ran 4/1975, 32.
  8. Dorothee Wierling: Geboren im Jahr Eins. Der Jahrgang 1949 in der DDR. Versuch einer Kollektivbiographie, Berlin 2002, 331.
  9. Gisela Steineckert: Covertext zur LP „Unterm Arm die Gitarre – 15 Jahre Singebewegung“, 1981.
  10. Reinhold Andert: Ich wollte eigentlich nie Liedermacher werden, in: Lutz Kirchenwitz (Hg.): Lieder und Leute. Die Singebewegung der FDJ, Berlin 1982, 142–146.
  11. Hans-Eckardt Wenzel: Covertext zur CD „Festival des politischen Liedes. Die Achtziger“, 2000.
  12. Peter Wicke und Lothar Müller (Hg.): Rockmusik und Politik. Analysen, Interviews und Dokumente, Berlin 1996, 179–192, 185.
  13. H. Pietsch u. a.: Modellfall Singeklubs, Teilveröffentlichung in: Forum 22/1969.
  14. Lutz Kirchenwitz: Thesen zur Singebewegung der FDJ, in: Weimarer Beiträge 4/1976, 152‒160; wiederabgedruckt in: Peter Lübbe (Hg.): Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED 1975‒1980, Stuttgart 1984, 249–255 (Dok. 69).
  15. Birgit Jank: Politisches Lied und FDJ-Singebewegung, in: Rüdiger Sell (Hg.): Kleine Liedkunde, Berlin 1988, 144–160.
  16. Olaf Schäfer: Pädagogische Untersuchungen zur Musikkultur der FDJ. Ein erziehungswissenschaftlicher Beitrag zur Totalitarismusforschung, Berlin 1998.
  17. Holger Böning: Der Traum von einer Sache. Aufstieg und Fall der Utopien im politischen Lied der Bundesrepublik und der DDR, Bremen 2004.
  18. Cornelia Bruhn: Lieder für den Sozialismus. Die FDJ-Singebewegung (1966–1990) als Erfahrung von sozialistischem Alltag, politischen Auseinandersetzungen und gesellschaftlichen Visionen (Arbeitstitel), Diss., Friedrich-Schiller-Universität Jena, in Vorbereitung (ca. 2022).
  19. Lutz Kirchenwitz: Folksong, Chanson und Liedermacher in der DDR, Berlin 1993.
  20. Konzertforum Lieder aus einem verschwundenen Land, Schwerin 1998.
  21. Jürgen Maerz (Hg.): Singe in der DDR. Variante Frankfurt. Ein Bewegungsbuch, Frankfurt (Oder) 2002.

Autor:innen

Erwähnt in

20. Festival des politischen Liedes in Berlin1. Festival des politischen Liedes in Berlin8. Festival des politischen Liedes in Berlin9. Festival des politischen Liedes in Berlin10. Festival des politischen Liedes in Berlin11. Festival des politischen Liedes12. Festival des politischen Liedes in Berlin2. Festival des politischen Liedes in Berlin3. Festival des politischen Liedes in Berlin4. Festival des politischen Liedes in Berlin5. Festival des politischen Liedes in Berlin6. Festival des politischen Liedes in Berlin7. Festival des politischen Liedes in Berlin13. Festival des politischen Liedes in Berlin14. Festival des politischen Liedes in Berlin16. Festival des politischen Liedes in Berlin15. Festival des politischen Liedes in Berlin17. Festival des politischen Liedes in Berlin18. Festival des politischen Liedes in Berlin19. Festival des politischen LiedesLutz Kirchenwitz veröffentlicht „Thesen zur Singebewegung der FDJ“Gründung des Hootenanny-Klubs Berlin, des späteren OktoberklubsVerbot des Konzerts „Jazz und Folksongs“ in der Berliner Volksbühne6. Tagung des Zentralrates der FDJ zu KulturfragenBeschluss des Zentralrates der FDJ „Kämpft und singt mit uns!“

Zitierempfehlung

Lutz Kirchenwitz, Artikel „Singebewegung“, in: Musikgeschichte Online, hg. von Lars Klingberg, Nina Noeske und Matthias Tischer, 2018ff. Stand vom 14.09.2022, online verfügbar unter https://mugo.hfmt-hamburg.de/de/topics/singebewegung, zuletzt abgerufen am 26.09.2022.