Geraer Ferienkurse

[Diesem Artikel liegt der Text des Aufsatzes „Wir hatten eine Idee …“ Die Ferienkurse für zeitgenössische Musik Gera, in: Positionen. Texte zur aktuellen Musik, Nr. 81 (2009), 40–42, zugrunde, der vom Autor überarbeitet und ergänzt wurde.]

Fazit

Wir hatten eine Idee und haben sie – unbeeindruckt von möglichen oder realen Hindernissen – umsetzen wollen und können. Wir hatten – und das gilt auch in Bezug auf die weltoffene und kritisch akzentuierte Spielplanung der Bühnen der Stadt Gera mit ihren zahlreichen Ur- und DDR-Erstaufführungen – allerhand Freiräume, die es andernorts so nicht gab. Nur die Abschottung blieb ein lange währendes Ärgernis – wir hätten gern international umfassender mitgespielt. Eine Insel der Seligen blieb der Kurs dennoch nicht – dazu waren die Resonanz, die Diskussionen und die Nachwirkungen viel zu umfassend …

Introduktion: Ein Abgesang

Im Sommer 1989, kurz vor der „Wende“, war ich zum ersten Mal in der thüringischen Industrie-Stadt Gera (ca. 130.000 Einwohner), als Dozent bei den Ferienkursen für zeitgenössische Musik. Deren Initiant und Leiter Eberhard Kneipel (Intendant der städtischen Bühnen) hatte es verstanden, in langjähriger Aufbauarbeit ein lebendiges, aufgeschlossenes Forum für aktuelle Musik einzurichten und es in zähen Bemühungen (oft gegen beträchtliche Widerstände von offizieller Seite) auch für ausländische Komponisten aus Ost und West zu öffnen. Diese Ferienkurse können nun – nach der „Wende“ – mindestens vorerst nicht mehr durchgeführt werden. Das Geld fehlt; und das staatliche Haus dieser intensiven Begegnungen – eine Außenstelle der Musikhochschule Weimar war darin untergebracht – musste wegen privater Besitzansprüche geräumt werden. (Rudolf Kelterborn, 1991)1Rudolf Kelterborn: Zum Beispiel Gera, in: Neue Zeitschrift für Musik 4/1991, 37. Kelterborn hatte im Januar 1991 das Philharmonische Orchester der Bühnen der Stadt Gera dirigiert und eines seiner Orchesterwerke erstaufgeführt.

Bericht 1: Anfänge und Ziele

Als sich der Fachbereich Musikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena, die Abteilung Kultur des Rates des Bezirkes Gera und der damalige Arbeitskreis Gera – seit 1977 Bezirksverband – des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR dank der Initiative von Dr. Eberhard Kneipel zu dem Experiment „Ferienkurse für zeitgenössische Musik“ entschlossen haben, war zunächst vor allem daran gedacht, für die Musikschaffenden des Bezirkes Gera eine geeignete Ebene der Begegnung aufzubauen. Komponisten, Musikwissenschaftler, Interpreten, Lehrer, Studenten und Kritiker sollten hier Informations- und Weiterbildungsmöglichkeiten auf dem Gebiet des internationalen musikalischen Gegenwartsschaffens und die Voraussetzung für einen gegenseitigen Erfahrungsaustausch in der eigenen Arbeit finden. Die Dozenten kamen vorwiegend aus eigenen Reihen des Thüringer Raumes, und der Kreis überschritt nicht 30 Teilnehmer. (Ingeborg Stein, 1981)2Ingeborg Stein: Der Geraer Ferienkurs für zeitgenössische Musik, in: Eberhard Kneipel (Wiss. Bearb.): Struktur und Form in der zeitgenössischen Musik, Jena 1981 (Wissenschaftliche Beiträge der Friedrich-Schiller-Universität), 11–14. 

Kommentar 1: Ergänzung

Die Gründung der Geraer Ferienkurse war dem Mangel an umfassenden und lebendigen Informationen insbesondere über die westliche Musikentwicklung geschuldet. Der Diskurs über ästhetische Grundfragen und individuelle Positionen sollte vertieft werden. Und jener Überschuss an kreativen Ideen, der schon die Kulturpraktika an der Jenaer Universität und die Geraer Galeriekonzerte (Orangerie) samt ihren multimedialen Performances beflügelt hatte, suchte mit diesem Projekt nach neuen Herausforderungen. Da sowohl der Komponistenverband als auch die Kulturpolitik des Bezirkes auf die Bereicherung und Profilierung des Musiklebens bedacht waren, wurde das Vorhaben engagiert gefördert – und das Experiment entwickelte sich zur Institution, mit unerwarteten Dimensionen und erstaunlichen Ergebnissen.

Das inhaltliche Konzept der einwöchigen Sommerkurse wurde alljährlich im Bezirksverband diskutiert sowie mit der Abteilung Kultur des Rates des Bezirkes Gera und mit der Leitung des Verbandes der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR in Berlin beraten, ohne dass es dabei kulturpolitische oder künstlerische Vorgaben bzw. Einschränkungen gegeben hätte. Die Kulturabteilung übernahm die gesamte Finanzierung sowie die mitunter recht komplizierte Logistik des Projektes und stellte ab 1981 die sanierte Villa Bardzki als Veranstaltungsort in Gera zur Verfügung. Die Verbandszentrale lud die ausländischen Gastdozenten ein (und hatte geteilte Meinungen zum Kurs – je nachdem, welcher leitende Mitarbeiter wie lange vor Ort war). Und die Friedrich-Schiller-Universität Jena war mit den Mitarbeitern des Bereiches Musikwissenschaft und mit Dozenten anderer Fachdisziplinen vertreten und gab zwei Sonder-Sammelbände ihrer wissenschaftlichen Zeitschrift heraus. Als dann die Sektion Musik der Akademie der Künste der DDR als Partner gewonnen werden konnte, wurde auch dort die Konzeption vorgestellt (und im Nachgang u. a. über die Ausrichtung der Kurse gestritten). An der Leitung der Ferienkurse waren Walburg Schulze (Bezirkssekretärin des VKM) und der Musikreferent Günter Diez aktiv beteiligt. Und weil mit Johann Cilenšek und Fritz Geißler nicht nur bedeutende Komponisten und angesehene Hochschullehrer, sondern auch stellvertretende Verbandspräsidenten und Akademiemitglieder als Dozenten mitwirkten, waren wichtige Persönlichkeiten mit im Boot und ein Kentern eher unwahrscheinlich.

Bericht 2: Fortführung und Profilierung

Die große Resonanz, die dieser erste Versuch 1974 nicht nur bei den Teilnehmern, sondern auch bei künftigen Interessenten fand, ermutigte dazu, den Rahmen zu erweitern. Im nächsten Jahr wurde daher durch Gewinnung weiterer Dozenten die Diskussionsebene verbreitert und damit das Spektrum an Standpunkten noch interessanter gestaltet. Seit dem 2. Ferienkurs hat sich auch ein gewisser feststehender Aufbau und Zeitplan bewährt, der für die folgenden Jahre beispielgebend blieb. Vorträge und Veranstaltungen im Plenum am Vormittag stehen in der Regel unter einem Zentralthema, das von verschiedenen Aspekten aus angegangen wird. Die Nachmittage sind der praktischen Arbeit in den Kompositionskursen gewidmet (Leitung u. a. Johann Cilenšek, Paul-Heinz Dittrich, Fritz Geißler, Friedrich Goldmann, Günter Kochan, Siegfried Matthus) sowie seminaristischen Veranstaltungen im Kreis der Musikwissenschaftler, Kritiker, Musikerzieher. Der Abend ist Diskussionsrunden, Gesprächen oder öffentlichen Konzerten vorbehalten [im Rathaussaal, im Konzertsaal des Theaters, in der Kunstgalerie und im Haus der Kultur].

Stand im 2. Ferienkurs das Thema „Material und Ideologie – Zur Dialektik des künstlerischen Fortschritts in der zeitgenössischen Musik“ zur Diskussion, so wurden im 3. Ferienkurs „Form und Struktur“ auf ihre Aussagefähigkeit hin befragt. Im 4. Ferienkurs gruppierten sich Vorträge und Überlegungen um den theoretischen Kern des Zeitbegriffs in der Musik. Seit dem 5. Ferienkurs wurde das Schwergewicht theoretischer Aussagen immer stärker auf Selbstäußerungen der Komponisten hin konzentriert. Überzeugend entwickelten sie am Beispiel eigener Werke Fragestellungen wie z. B. „Formkonzeptionen im zeitgenössischen Musikschaffen“ (1978 dazu Paul-Heinz Dittrich, Georg Katzer, Günter Kochan, Siegfried Matthus und Udo Zimmermann) oder über „Die Dialektik von Nationalem und Internationalem im kompositorischen Schaffen der DDR“ (1979 dazu Paul-Heinz Dittrich, Fritz Geißler, Siegfried Köhler, Rainer Kunad, Ruth Zechlin). Inzwischen hat in Weiterführung der in den vorangegangenen Kursen angeschnittenen Themata der 7. Ferienkurs in der Kulturakademie des Bezirkes Gera in Rudolstadt stattgefunden (der 2.–5. Ferienkurs hatte zwischenzeitlich in der Akademie des Gesundheitswesens in Gera-Kaimberg Gastrecht erhalten). Der Kurs ist seit mehreren Jahren DDR-offen, die Zahl der Teilnehmer erhöhte sich, sodass die zu dieser Zeit mögliche Kapazität von ca. 50–70 Teilnehmern voll genutzt wird. Gäste aus dem Ausland tragen dazu bei, neue Aspekte zu gewinnen. Jarmíl Burghauser (Prag) sowie Mitglieder des Geraer Partnerverbandes in Plzeň (ČSSR) orientierten über die Musikentwicklung ihres Landes, Eiichi Yasui gab Einblicke in das Musikleben Japans, Péter Eötvös (Budapest) stellte kammermusikalische und elektronische Werke vor. Während des 7. Ferienkurses berichteten Derek Bourgeois und Robert Sherlaw Johnson über Tendenzen und Entwicklungen des musikalischen Gegenwartsschaffens in Großbritannien. Führende Interpreten auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik – wie z. B. die Bläservereinigung Berlin, das Solistenstreichquartett der Komischen Oper Berlin, die „gruppe neue musik hanns eisler“ Leipzig, die Pianisten Gerhard Erber (Leipzig) und Bernd Caspar (Berlin) – konnten für die Konzertabende gewonnen werden. In den Programmen kommt dabei historisch bereits gültig Gewordenes neben Experimenten zu stehen: Von den Komponisten seien stellvertretend für weitere interessante Vertreter neuer Musik hier nur außer den „Altmeistern“ Hanns Eisler und Paul Dessau von der heute führenden Generation Friedrich Goldmann, Reiner Bredemeyer, Friedrich Schenker, Georg Katzer und Paul-Heinz Dittrich genannt. Aus dem Bezirksverband hatten vor allem Hansjürgen Schmidt, Achim Müller-Weinberg und Helmut Zapf erfolgreiche Aufführungen. (Ingeborg Stein, 1981)3Ingeborg Stein: Der Geraer Ferienkurs für zeitgenössische Musik, in: Eberhard Kneipel (Wiss. Bearb.): Struktur und Form in der zeitgenössischen Musik, Jena 1981 (Wissenschaftliche Beiträge der Friedrich-Schiller-Universität), 11–14. Das Zitat wurde geringfügig gekürzt.

Kommentar 2: Ausbau, Öffnung, Ausstrahlung

Beim 8. Ferienkurs kamen Kompositionsstudenten mehrerer Hochschulen und Schüler aus den Kompositionsklassen der Bezirksmusikschulen Gera (Manuel Schubrow) und Halle (Saale) (Hans-Jürgen Wenzel) hinzu. Ab 1985 war der Fachbereich Musikwissenschaft der Karl-Marx-Universität Leipzig Mitveranstalter, der u. a. die jungen Wissenschaftlerinnen Ulrike Liedtke und Felicitas Nicolai zum Zuge kommen ließ. Der 12. Kurs etablierte mit Werkstattgesprächen zwischen Komponisten und Musikwissenschaftlern ein neues Format im Forum. Und Georg Katzer, Lothar Voigtländer und Gerald Bennett (Zürich) schufen mit eigenem Equipment ein Kursangebot für elektronische Musik. Über die Jahre hinweg zählten alle Komponisten der DDR, die für die Kurse von Interesse waren (oder die sich für sie interessierten), zu den Teilnehmern (darunter viele junge): Wilfried Krätzschmar, Thomas Hertel, Siegfried Thiele, Friedrich Schenker, Gerhard Rosenfeld, Karl Ottomar Treibmann, Gerd Domhardt, Hermann Keller, Günter Neubert, Gunther Erdmann, Reinhard Pfundt, Jakob Ullmann, Reinhard Wolschina, Johannes Wallmann, Steffen Schleiermacher, Bernd Franke, Christfried Schmidt, Juro Mětšk …

Groß war auch die Zahl der Musikwissenschaftler, die um ästhetische Positionen stritten, aktuelle Informationen beisteuerten (auch zur Musikkultur westlicher Länder) und mit Komponisten und Interpreten für eine lebendige Werkstattatmosphäre sorgten: u. a. Gerd Schönfelder, Frank Schneider, Mathias Hansen, Stefan Amzoll, Eberhardt Klemm, Fritz Hennenberg, Christoph Sramek, Udo Klement, Eberhard Lippold, Gerhard Müller, Helmuth Rudloff, Klaus Kleinschmidt, Michael von Hintzenstern, Ingeborg Stein, Mechthild Geißler, Eberhard Kneipel … Auch Beat und Jazz, Rock und Filmmusik spielten eine nicht unwesentliche Rolle. Zudem beteiligten sich viele Interpreten an den Debatten. Ihr Kreis erweiterte sich ebenso (u. a. die Leipziger Sängerin Roswitha Trexler, musica-viva-ensemble dresden, Hornquartett des RSO Leipzig, Gruppe Junge Musik Leipzig, Ensemble für Intuitive Musik Weimar, Ensemble Konfrontation Halle, Jenaer Madrigalkreis) wie die Programme (u. a. Luciano Berio, John Cage, Edisson Denissow, Andrzej Dobrowolski, Charles Ives, György Ligeti, Luigi Nono, Steve Reich, Erik Satie, Alfred Schnittke, Sergej Slonimski, Karlheinz Stockhausen, aber auch Herbert A. Mitschke, Steffen Schleiermacher und Helmut Zapf). Ab dem 8. Ferienkurs bekamen Bezirksverbände die Gelegenheit, sich mit Konzerten vorzustellen. Und 1978 war die Bläservereinigung Berlin nicht nur mit der Demonstration neuer Spieltechniken und Notationsweisen präsent, sondern auch mit der Uraufführung der Gemeinschaftskomposition Workshop für Gruppen – Gera 1978, die vom Rundfunk gesendet wurde. Rundfunk, Fachzeitschriften und die regionale wie überregionale Presse haben regelmäßig über die Kurse berichtet. Die Musikverlage der DDR waren oft zu Gast. Ab 1981 kamen jährlich eigene Publikationen mit Vorträgen und Werkanalysen heraus, und das Thema „Musik und Sprache“ wurde in Heft 3/1984 von Musik und Gesellschaft übernommen. Sogar der Deutschlandfunk berichtete über einen der ersten Kurse – ein „Rätsel“, denn dem Redakteur wurde beharrlich die Einreise und der Besuch verwehrt. Das war von Beginn an ein gravierendes Problem: die Öffnung in Richtung BRD. Gern hätten wir prominente Komponisten nicht nur gehört, sondern auch gesehen, gesprochen, mit ihnen diskutiert. Erst nach und nach wurde das möglich, zuletzt mit Ernst Helmuth Flammer (Freiburg im Breisgau) und Rudolf Kelterborn (Basel). Dennoch waren viele namhafte Gäste anwesend: u. a. Lepo Sumera (Tallinn), Folke Rabe (Stockholm), Zbigniew Rudziński (Warschau), Konstantin Bataschow (Moskau), László Dubrovay (Budapest), Kolleginnen und Kollegen aus Bulgarien. Und ab Mitte der 1980er wurden Kompositionspreise und Werkaufträge vergeben (u. a. an Ellen Hünigen und Annette Schlünz), und die Veranstaltungen wurden auf Tonband aufgenommen, um eine umfassendere Dokumentation zu ermöglichen …

Bericht 3: Interdisziplinäre Aspekte

Wert gelegt wurde auf interdisziplinäre Denk- und Diskussionsansätze. So waren die kulturtheoretischen Vorträge von Dieter Strützel und die rezeptionsanalytischen Untersuchungen von Ingeborg Stein (beide FSU Jena) keine lästigen Beigaben; ihre kritischen Fragestellungen und aktuellen Erkenntnisse zur Herausbildung künstlerischer Bedürfnisse, zu gesellschaftlichen Funktionen von Kunst und Kultur und zur Erbe-Aneignung dienten dem Praxisbezug der Kurse. Und die Begegnungen mit Hans Kathe, Ratsmitglied für Kultur, und Gustl Paczulla, Sekretär für Wissenschaft und Kultur der SED-Bezirksleitung (beide verloren Mitte der 1980er Jahre ihre Funktionen), waren keine Polit-Rituale; ihre Auslassungen zur Kunstentwicklung und zum Auftragswesen waren problembewusst und von allgemeinem Interesse …

Der bereits detailliert geplante 17. Ferienkurs fand nicht mehr statt: Die Unwägbarkeiten der Währungsunion ließen für den Sommer 1990 keine Realisierung mehr zu; Informationsgrenzen waren gefallen, und die Konzeption hatte sich damit zum Teil überholt. Lehrer-Schüler-Beziehungen aber blieben erhalten. Und um das Jahr 2000 diskutierte der Komponistenverband Thüringen e. V. die Idee, den Ferienkurs wieder zu beleben. Das unterblieb, stattdessen wurde 2001 (bis 2006), auch in Anlehnung an die Studiokonzerte in den 1980er Jahren, gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester des Theaters Altenburg-Gera die „Orchesterwerkstatt für junge Komponisten“ ins Leben gerufen (Leitung: der niederländische Komponist und Dirigent Hans Rotman und Eberhard Kneipel, künstlerischer und Betriebsdirektor und ab 2004 Generalintendant des Theaters), für die u. a. Paul-Heinz Dittrich, Friedrich Goldmann, Wilfried Krätzschmar und Siegfried Matthus als Mentoren und die Weimarer Musikhochschule als Partner gewonnen werden konnten.

Coda

Doch hat es in der DDR dann in den 1970er Jahren Foren gegeben, wo ernsthaft über die Probleme der Musik gesprochen wurde. Eines ist der Rundfunk gewesen – mit vielen Sendungen erstaunlicherweise über mehrere Stunden. Und es gab dann seit Ende der 1970er Jahre etwas wie Klein-Darmstadt in Gera mit einem Ferienkurs, wo versucht worden ist, die Probleme der Neuen Musik intensiv zu diskutieren. (Frank Schneider, 1997)4Ulrich Dibelius, Frank Schneider: Schlußdiskussion, in: dies. (Hg.): Neue Musik im geteilten Deutschland, Bd. 3: Dokumente aus den siebziger Jahren, Berlin 1997, 453.

Anlage

[Auszug aus dem Protokoll der Sitzung der Sektion Musik der Akademie der Künste der DDR am 12. 10. 1979]

Quelle: Archiv der Akademie der Künste, Berlin, Bestand: Akademie der Künste (Ost), Signatur: 913 [Blattnummerierung des Protokolls in runden Klammern, Blattnummerierung der Akte in eckigen Klammern]

Tagesordnungspunkt 3: Gespräch mit Dr. Eberhard Kneipel, Jena, über die Geraer Ferienkurse 

Eberhard Kneipel: […] Was wir nicht gewollt haben und was falsch wäre, ist, den Ferienkurs in eine Einseitigkeit zu drängen, dort nur bestimmte Stilrichtungen, Entwicklungstendenzen oder Traditionslinien gelten zu lassen.  […] Ich hörte von unserem Verbandssekretär, daß es hier etwas Ärger oder Mißverständnisse gegeben hat. (22) [180]

[…]

Eberhard Kneipel: […] Jeder, der dort gewesen ist, weiß, daß er dort sehr verschiedene Positionen, Stilrichtungen, Meinungen, ästhetische und musikalische Artikulationen vorfindet. […] Zechlin und Köhler zeigen, daß ein Aufeinanderzugehen möglich ist, was beispielsweise bei Köhler und Dittrich nicht möglich war; aber da ist auch das Bemühen nicht vorhanden gewesen. Es gibt auch Tendenzen, gar nicht zu sprechen, und wenn, dann wird nur belehrt. Im Grunde genommen ist es so, wenn wir als Theoretiker ein solches Ansinnen stellen, liegen wir völlig falsch und werden belehrt, daß wir doof sind. ich will es jetzt so hart sagen. Das ist die Spannungsseite der Diskussion. […] (26) [184]

F. Goldmann: Es liegen Fragen in der Luft, die den diesjährigen Ferienkurs betreffen. Es ist irgend etwas Unausgesprochenes vorhanden. Ich war nicht bei dem Ferienkurs und habe auch nur von den verschiedensten Ecken Gerüchte gehört. (28) [186]

Daß es verschiedene Positionen gibt, das wissen wir, das ist nichts Neues. Mir wurde berichtet von Leuten, die nicht ganz einflußlos sind, die beim Kurs von Anfang an dabei waren, es sei gesagt worden, Bredemeyer solle einen anderen Beruf ergreifen, Dittrich solle am besten auswandern. Ich muß das deswegen an einem Baum, der nach Klatsch aussieht, aufhängen, weil das genau mit dem zusammenhängt, was zuletzt in die Diskussionen hereingekommen ist. Wir können nicht anfangen, nur die theoretischen Begriffe zu klären. Wenn auch nur irgend etwas dran ist, ist etwas faul und muß etwas geändert werden. […]

Dr. Kneipel: Diese beiden Sätze habe ich nicht gehört. Sie sind auch, soweit ich informiert bin, offiziell in keiner Zusammenkunft gefallen. Die Meinungen über Geißlers 9. Sinfonie können geteilt sein – oder nicht. Wenn sich Dittrich hinsetzt, klatscht und „Bravo“ schreit, ist das merkwürdig. Ein anderer, der das mitkriegt, haut ihm bei passender Gelegenheit eine rein – nicht wegen der Meinung zu Geißlers Sinfonie, sondern deswegen, wie er es macht. Ich habe gehört, wie Bewegung in die Abschlußdiskussion kam, als Schönfelder sagte: „Es muß gute Musik sein.“ Da ging Dittrich hoch. Das war der Zündpunkt für die Schlußdiskussion. […]

S. Matthus: Wenn man es ganz vereinfacht sagt, so sind in unserem Land unter den Komponisten zwei Hauptströmungen festzustellen. Dann müßte man eigentlich nicht einen Ferienkurs, sondern zwei machen, was sicher auch wieder albern wäre. Ich frage nur: Wie können wir dieses Problem in einen solchen Ferienkurs mit hineinbringen, wo wir junge Komponisten nicht irritieren wollen, sondern die Dinge machen wollen, die da sind. Bevor wir das können, müssen wir uns erst einmal sehr disziplinieren in diesen Äußerungen. […] (29) [187]

[…]

B. Pachnicke: […] Von uns war Kollege Dr. Zimmermann dort – ich bin nicht dafür, daß man um die Dinge herumredet – und berichtete mir, daß in ihrem Vortrag, Kollege Dr. Kneipel, eine gewisse Wertung von Komponisten vorgenommen wurde. Wenn ich richtig informiert bin, gab es Ihrerseits bestimmte Aussparungen im Hinblick auf Komponisten wie Reiner Bredemeyer und Frieder Goldmann im Zusammenhang damit, daß diese Werke mit großen Problemen behaftet sind. Ich habe das bewußt vorsichtig ausgedrückt. Es gibt auch diese Mitschrift im Verlag, und man kann nachlesen, wie der Wortlaut gewesen ist. […] Wenn hier a priori in gut und böse – die Grenzen sind natürlich von Ihnen aus fließend gemeint – eingeteilt wird, ist dies für ein so hohes anzustrebendes Ziel, nämlich unsere Musik bekannt zu machen […] keine optimale Ausgangsbasis. […] Man muß erkennen, daß das Schönste an unserem Musikleben zur Zeit ist, daß sich diese Vielfalt entwickelt. […]

G. Wohlgemuth: Das ist die Stelle, wo es auch hinüberschwappt in die Akademie und in unsere Sektion. Es geht nach meiner Meinung nicht, anonym hiesige oder Komponisten anderer Länder als (32) [190] abstrakte Individuen zu kritisieren, die man auch in der sozialen Tätigkeit nicht betrachtet, die nichts anderes tun, als ihre subjektive Ehrlichkeit einzubringen, sie in einer Weise zu kritisieren, die schon ans Denunziatorische – ohne Namen zu nennen, versteht sich – heranreicht. Das betrifft jetzt nicht die Geraer Ferienkurse. Wir können nicht sehen: hier Gera und hier das. Das muß geklärt werden; denn der Grund ist nichts anderes als eine mißachtende, vulgarisierende Tendenz marxistisch-leninistischer Theorie. Das ist nichts Neues. Darüber haben schon Marx und Engels geschrieben. Was wir hier zu sehen und zu hören bekommen von manchen Mitgliedern der Akademie, das ist im Grunde der vulgäre Geist der 50er Jahre. Da muß man den Musikwissenschaftlern, soweit sie Ästhetiker sind, aber auch soweit sie systematische Historiker sind, den Vorwurf machen, daß sie sich nicht darum bemüht haben, nachzuvollziehen, was unsere Philosophie – es gibt verschiedene Literatur darüber – bereits seit etwa zehn Jahren an Positionen schon geklärt hat. Das ist der Punkt, der für uns wichtig wird.

S. Matthus: […] Daß wir gerade zu diesem Zeitpunkt so konträrer Meinung sind (was sich nicht nur als Meinung verbalisiert, sondern auch in den Werken widerspiegelt), finde ich ganz in Ordnung. […] Es geht nicht an, daß irgendeine Meinung zur allein richtigen erklärt wird. Wir sollten uns streiten, auch wenn Reiner Bredemeyer aus Emotion über das Ziel hinausschießt. Das ist kein Problem. das kann sein. […] (33) [191]

M. Hansen: […] Die Studenten sind keine unbeschriebenen Blätter, die man hegen und vor Verwirrung bewahren muß. Ich halte das für übertrieben. […] Es wäre wichtig, ein Forum zu schaffen, wo man auch dies [sic] 180° entgegengesetzten Positionen austrägt. Das muß nicht in eine Schimpferei ausarten.

Anmerkungen

  1. Rudolf Kelterborn: Zum Beispiel Gera, in: Neue Zeitschrift für Musik 4/1991, 37. Kelterborn hatte im Januar 1991 das Philharmonische Orchester der Bühnen der Stadt Gera dirigiert und eines seiner Orchesterwerke erstaufgeführt.
  2. Ingeborg Stein: Der Geraer Ferienkurs für zeitgenössische Musik, in: Eberhard Kneipel (Wiss. Bearb.): Struktur und Form in der zeitgenössischen Musik, Jena 1981 (Wissenschaftliche Beiträge der Friedrich-Schiller-Universität), 11–14.
  3. Ingeborg Stein: Der Geraer Ferienkurs für zeitgenössische Musik, in: Eberhard Kneipel (Wiss. Bearb.): Struktur und Form in der zeitgenössischen Musik, Jena 1981 (Wissenschaftliche Beiträge der Friedrich-Schiller-Universität), 11–14. Das Zitat wurde geringfügig gekürzt.
  4. Ulrich Dibelius, Frank Schneider: Schlußdiskussion, in: dies. (Hg.): Neue Musik im geteilten Deutschland, Bd. 3: Dokumente aus den siebziger Jahren, Berlin 1997, 453.

Autor:innen

Zitierempfehlung

Eberhard Kneipel, Artikel „Geraer Ferienkurse“, in: Musikgeschichte Online, hg. von Lars Klingberg, Nina Noeske und Matthias Tischer, 2018ff. Stand vom 14.09.2022, online verfügbar unter https://mugo.hfmt-hamburg.de/de/topics/geraer-ferienkurse, zuletzt abgerufen am 26.09.2022.