Schallplattenunterhalter

Nach den Leipziger Beatprotesten vom 31. Oktober 1965, welche sich gegen das Verbot von 54 der 58 im Sprachgebrauch der SED „Gitarrengruppen“ in der Stadt gewandt hatten, war es im Rahmen des so genannten Kahlschlag-Plenums der SED im selben Jahr zu einer von Erich Honecker lancierten Trendwende in der Jugendpolitik gekommen. Die anfänglich relativ liberale Einstellung zur Popkultur1Im ‚Jugendkommuniqué‘ des Politbüros vom 21. 9. 1963 wurde die Jugend als „Hausherren von morgen“ adressiert, der man nicht vorschreiben wolle, nach welchem Takt sie tanzt, „Hauptsache, sie bleibt taktvoll!“ (Der Jugend Vertrauen und Verantwortung. Kommuniqué des Politbüros des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zu Problemen der Jugend in der Deutschen Demokratischen Republik, in: Neues Deutschland, Berliner Ausgabe, 18. Jg., Nr. 259 vom 21. 9. 1963, 1–3, 2; vgl. Michael Rauhut: DDR-Beatmusik zwischen Engagement und Repression, in: Günter Agde (Hg.): Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED 1965. Studien und Dokumente, 2., erw. Aufl., Berlin 2000, 122–133, 124 f.). schlug um in eine Kriminalisierung der Beat-Fans als „Rowdies“ und „Gammler“. Nach dem Machtwechsel zu Erich Honecker erfolgte eine erneute Richtungsänderung. Es war klargeworden, dass sich auf Dauer die Freizeitbedürfnisse der Jugendlichen nicht ignorieren oder unterbinden ließen. Zentraler Bestandteil dieser Bedürfnisse waren Popmusik und Tanzveranstaltungen. „Mit der Akzeptanz unterschiedlicher Bedürfnisse war die Anerkennung von Ausdifferenzierungsprozessen des Geschmacks verbunden. Sie wurden theoretisch mit der Produktivkraftentwicklung und daraus resultierenden neuen Sozialstrukturen und Kommunikationsbeziehungen begründet. Damit ließ sich die bisherige ‚Einengung der Tanzmusik‘ nicht mehr vertreten. Im Ergebnis des Umdenkens erfolgte die Anerkennung von Diskotheken als ‚qualitativ neue Veranstaltungsform‘ und eine Definition der Anforderung an Diskjockeys […].“2Wolfgang Mühl-Benninghaus: Unterhaltung als Eigensinn. Eine ostdeutsche Mediengeschichte, Frankfurt a. M. 2012, 208. Zudem wurden ab 1974 die Gaststätten subventioniert, welche in ihren Räumlichkeiten Tanzveranstaltungen für das wenig zahlungskräftige jugendliche Publikum ausrichteten.

DJs in der DDR

Schallplattenunterhalter war eine DDR Wortschöpfung, abgekürzt SPU. Zum einen sollte so das englische Wort Disk-Jockey ersetzt werden,3In der Berliner Zeitung war allerdings wiederholt von Disc-Jockeis (!) die Rede. zum anderen unterschieden sich der Werdegang und das Betätigungsfeld der Schallplattenunterhalter in der Sache von denen der Kollegen im nichtsozialistischen Ausland. So gab es in der DDR eine gesetzliche Regelung für frei- bzw. nebenberufliche SPU, die Anordnung über Diskothekveranstaltungen – in der DDR mit k geschrieben – vom 5. 8. 1973, festgehalten im Gesetzblatt der DDR, Teil I, Nr. 38 vom 27. 8. 1973.4Wiederabgedruckt in: Gisela Rüß (Hg.): Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED 1971–1974, Stuttgart 1976, 820–824 (Dok. 133). Wie alle Unterhaltungskünstler benötigten die SPU eine Spielerlaubnis, welche mittels eines klappbaren Ausweises mit Lichtbild, im Volksmund „Pappe“ genannt, bestätigt und jederzeit wieder entzogen werden konnte.

Staatlich geprüfte Schallplattenunterhalter erhielten eine Schulung und dann regelmäßige Fortbildungen, um die Einstufung alle zwei Jahre vor einer Einstufungskommission zu erneuern. Bei diesen Kursen wurde Politik, Musikgeschichte, Dramaturgie, Programmgestaltung und Sprecherziehung unterrichtet, das Handwerk des Auflegens spielte eine untergeordnete Rolle, was auch darauf schließen lässt, dass die werdenden SPU bereits überaus versiert im Auflegen und Improvisieren mit unzulänglicher Wiedergabetechnik waren, bevor sie besagte Kurse absolvierten. Die Dozenten kamen von den Hochschulen, waren Kulturfunktionäre und Akteure im Musikbetrieb. Während sich im Westen seit den 1970er Jahren eine profunde Kunst des Überblendens, Mixens, Sampelns, Scratchings etc. herausbildete, welche das DJ-Equipment zusehends zum Musikinstrument werden ließ, lag das Augenmerk der Einstufungskommissionen in der DDR wesentlich auf den Qualitäten der SPU als Entertainer, was sich in der Bezeichnung Disko-Unterhalter seit den 1980er Jahren widerspiegelte. Spiele, Showeinlagen, Tanzwettbewerbe und Animationen aller Art sollten die Abendgestaltung auflockern. Ein Kurzer Beitrag im Nachrichtenprogramm Der Augenzeuge vom 4. April  1975 über eine Konferenz mit 300 SPU aus der ganzen DDR in Neubrandenburg, vermittelt einen Eindruck von der angestrebten Form von Unterhaltung und Geselligkeit.

Erziehungsauftrag

Im Rahmen- bzw. Beiprogramm der Tanzveranstaltungen waren der Phantasie der SPU kaum Grenzen gesetzt. Hatten sich die Kulturverantwortlichen gewünscht, dass neben dem Tanzvergnügen politische Diskussionen geführt würden, kam es im Einzelfall zu bemerkenswerten Bildungsbestrebungen. Hans Scholz (Schollis Disko), von Beruf Lehrer in Vitzenburg, legte seit 1973 im Dorfgasthof seiner Gemeinde auf. Auch als SPU sah er sich seinem Bildungsauftrag verpflichtet5Seit 50 Jahren an den Plattentellern: Dieser DJ-Opa lässt es mit 83 nochmal krachen; https://www.focus.de/regional/sachsen-anhalt/querfurt-seit-50-jahren-an-den-plattentellern-dieser-dj-opa-laesst-es-mit-83-nochmal-krachenid10074889.html (8. 6. 2020). und richtete eine Stereo-Bar bei seinen Tanzveranstaltungen ein, an der die Besucher per Kopfhörer andere Musik (in Stereo) als gerade aufgelegt wurde, hören konnten, u. a. Mozart und Bach.6https://www.youtube.com/watch?v=hCqASwWPRjY (8. 6. 2020). Teilumschnitt der 95. „Podiumsdiskothek“ des Berliner Rundfunks vom 19. 5. 1977. Heinz Scholz wurde interviewt unter Verwendung von O-Tönen aus einer seiner Tanzveranstaltungen, bei der u. a. ein Besucher berichtete, er habe an der Stereo-Bar soeben erstmals Mozart gehört.

Nach dem Absolvieren der Einstufungsprüfung vor der Kommission und einem Diskothekenpublikum konnte die Spielerlaubnis für nebenberufliche SPU in den Kategorien von A bis C erteilt werden, was in den 1980er Jahren mit 5 und 8,5 Mark pro Stunde vergütet wurde. Anfang der 1970er Jahre war in der Presse der DDR von 3.000 Diskotheken die Rede, die Zahl der SPU wird unterschiedlich mit 6.000 bis 8.000 angegeben. Gerade im Hinblick auf die Selbstdarstellung im Rahmen der Weltfestspiele wird in der DDR das Bestreben deutlich, sich modern und interessiert an der Freizeitgestaltung vor allem der Jugendlichen zu zeigen. So war im März 1973 in der Berliner Zeitung unter dem Titel „Werkstatt-Diskothek“ zu lesen:

„Mitte Mai treffen sich im Haus der jungen Talente Schallplattenunterhalter aus allen Bezirken der Republik zur 2. Zentralen Werkstatt-Diskothek. In den beiden letzten Jahren hat sich die Zahl der Schallplatten-Diskotheken in der gesamten DDR stark erhöht, 3000 gibt es inzwischen. In Berlin haben schon 88 Teilnehmer in drei Lehrgängen ihre Befähigung als Schallplattenunterhalter erworben. Die ‚Podiumsdiskothek 73‘ im Haus der jungen Talente wird zugleich Generalprobe für die X. Weltfestspiele sein: Während des Festivals werden Disko-Veranstaltungen im Mittelpunkt zahlreicher Begegnungen stehen.“7„Werkstatt-Diskothek“, in: Berliner Zeitung, 29. Jg., Nr. 89 vom 30. 3. 1973, 3.

Diese Schulungen waren zum einen Teil der Professionalisierungsbestrebungen auch der populären Kultur in er DDR, zum anderen der Versuch eines Kontrollmechanismus’, schließlich hantierten die SPU mit ‚Gefahrengut‘: Popmusik aus dem Westen war allenfalls geduldet und konnte jederzeit wieder unter das Verdikt der ‚Unkultur‘ fallen. 1974 wurde an der zentralen Leipziger Volkskunstschule eine Förderklasse Diskothek eingerichtet, aus der ein kleiner Zirkel hauptberuflicher SPU hervorging.

Urheberrechte

Die Anstalt zur Wahrung der Urheberrechte in der DDR, AWA, schrieb den SPU vor, mindestens 60 % Stücke aus sozialistischen Ländern aufzulegen, was mittels im Voraus einzureichender Listen des Programms kontrolliert werden sollte. Diese Listen wichen nicht selten von der Abfolge der tatsächlich gespielten Stücke ab, was zu den kuriosen Situationen führen konnte, dass die Gelisteten Tantiemen erhielten, ohne dass ihre Musik erklungen wäre. Bei der Quote ging es nicht nur um eine Aufwertung einheimischer Produktionen, sondern auch um das Einsparen von Devisen, da die AWA Vergütungsverträge mit der westdeutschen GEMA eingegangen war, welche in Valuta zu bedienen waren. Die Verordnung erwies sich als nur bedingt wirksam angesichts des kreativen Umgangs der SPU mit der 60/40-Regelung. Legten SPU allerdings Musik auf, die mit den Vorstellungen der Staatsmacht kollidierte, konnten Sanktionen bis zu Haftstrafen verhängt werden, zu denken wäre an die beiden Udo Lindenberg-Titel Mädchen aus Ostberlin und Sonderzug nach Pankow. Zwei SPU aus Guben wurden zu fünf Monaten Haft verurteilt, weil sie Sonderzug aufgelegt hatten.8Nach Michael Rauhut: Schalmei und Lederjacke. Udo Lindenberg, BAP, Underground. Rock und Politik in den achtziger Jahren, Berlin 1996, 81.

Tücken der Technik

Mangels geeigneter Anlagen zur Wiedergabe und Verstärkung in den Veranstaltungsorten, schafften sich die meisten SPU eigene Technik an, was anteilig zusätzlich vergütet wurde. Vieles von dem, was SPU zum Auflegen brauchten, war Mangelware in der DDR bzw. technisch unzulänglich. Handelsübliche Mikrophone neigten zu Rückkoppelungen, Lautsprecher zum Verzerren und Verstärker zum Überhitzen. Schallplatten und Technik aus nichtsozialistischen Ländern waren schwer und wenn nur zu einem ungünstigen ‚Wechselkurs‘ zu bekommen. Bedingt auch durch die geringe Vibrationstoleranz einheimischer Plattenspieler, legten SPU nicht vorwiegend Platten auf, sie verwendeten häufig Umschnitte von Schallplatten bzw. Mitschnitte begehrter Titel aus dem Radio auf Tonband und Audiokassette, was großes Geschick in punkto hin- und herspulen der Bänder erforderte und bei Auftritten die Kooperation mehrerer SPU nahelegte. Bevorzugt wurden Stücke von westlichen Sendern oder dem Jugendradio DT64 auf Kassette aufgenommen. Die Sendung Duett – Musik für den Rekorder auf DT64 zeugt davon. Begehrte Schallplatten aus westlicher bzw. polnischer oder ungarischer Pressung wurden häufig umgeschnitten und unter SPU getauscht. Die in der DDR produzierten Kassetten und Tonbänder waren anfällig und hatten teilweise Lücken in der Magnetbeschichtung, Kassetten aus westlicher Produktion wiederum waren, wenn überhaupt, nur gegen Devisen oder zu hohen Ostmarkpreisen erhältlich. All diese Verknappung machte SPU in der DDR zu einer prestigeträchtigen Tätigkeit. Mit dem Fall der Mauer und dem Zugang zum internationalen Musikmarkt fielen die Alleinstellungsmerkmale der SPU aus der ehemaligen DDR weg, Auflegen mit Kassetten wurde über Nacht obsolet oder zum Kuriosum. Das tat deren Netzwerken, Organisationskompetenz und Repertoirekenntnis keinen Abbruch, und es könnte anteilig der Ausbildung der SPU in der DDR geschuldet sein, dass viele von ihnen ihre Karriere im Kultur- und Medienbereich nach der Wende erfolgreich fortsetzten. Der Leipziger DJ Ive Müller erlebte den Fall der Berliner Mauer an einem besonderen Ort. Er legte in der Vorzeige-Diskothek der DDR im Keller des Palasts der Republik auf, während die ersten Ost-Berliner nach Westberlin gingen.

Literatur

Jan-Peter Wulf, Dirk Reinink: DJs in der DDR: Ohne Pappe keine Musik. So verlief die Ausbildung zum „Schallplattenunterhalter“, in: Das Filter, 3. 10. 2014; http://dasfilter.com/gesellschaft/djs-in-der-ddr-ohne-pappe-keine-musik-so-verlief-die-ausbildung-zum-schallplattenunterhalter (3. 7. 2020)

Daniel Breuer (Regie und Kamera), Ive Müller (DJ): Nachts im Osten – DJs in der DDR, Diplomarbeit, Kunsthochschule Maastricht, 2005; Teil 1 und Teil 2 (3. 7. 2020).

Anmerkungen

  1. Im ‚Jugendkommuniqué‘ des Politbüros vom 21. 9. 1963 wurde die Jugend als „Hausherren von morgen“ adressiert, der man nicht vorschreiben wolle, nach welchem Takt sie tanzt, „Hauptsache, sie bleibt taktvoll!“ (Der Jugend Vertrauen und Verantwortung. Kommuniqué des Politbüros des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands zu Problemen der Jugend in der Deutschen Demokratischen Republik, in: Neues Deutschland, Berliner Ausgabe, 18. Jg., Nr. 259 vom 21. 9. 1963, 1–3, 2; vgl. Michael Rauhut: DDR-Beatmusik zwischen Engagement und Repression, in: Günter Agde (Hg.): Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED 1965. Studien und Dokumente, 2., erw. Aufl., Berlin 2000, 122–133, 124 f.).
  2. Wolfgang Mühl-Benninghaus: Unterhaltung als Eigensinn. Eine ostdeutsche Mediengeschichte, Frankfurt a. M. 2012, 208.
  3. In der Berliner Zeitung war allerdings wiederholt von Disc-Jockeis (!) die Rede.
  4. Wiederabgedruckt in: Gisela Rüß (Hg.): Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED 1971–1974, Stuttgart 1976, 820–824 (Dok. 133).
  5. Seit 50 Jahren an den Plattentellern: Dieser DJ-Opa lässt es mit 83 nochmal krachen; https://www.focus.de/regional/sachsen-anhalt/querfurt-seit-50-jahren-an-den-plattentellern-dieser-dj-opa-laesst-es-mit-83-nochmal-krachenid10074889.html (8. 6. 2020).
  6. https://www.youtube.com/watch?v=hCqASwWPRjY (8. 6. 2020). Teilumschnitt der 95. „Podiumsdiskothek“ des Berliner Rundfunks vom 19. 5. 1977. Heinz Scholz wurde interviewt unter Verwendung von O-Tönen aus einer seiner Tanzveranstaltungen, bei der u. a. ein Besucher berichtete, er habe an der Stereo-Bar soeben erstmals Mozart gehört.
  7. „Werkstatt-Diskothek“, in: Berliner Zeitung, 29. Jg., Nr. 89 vom 30. 3. 1973, 3.
  8. Nach Michael Rauhut: Schalmei und Lederjacke. Udo Lindenberg, BAP, Underground. Rock und Politik in den achtziger Jahren, Berlin 1996, 81.

Autor:innen

Erwähnt in

Diskothekordnung erlassen

Zitierempfehlung

Matthias Tischer, Artikel „Schallplattenunterhalter“, in: Musikgeschichte Online, hg. von Lars Klingberg, Nina Noeske und Matthias Tischer, 2018ff. Stand vom 14.09.2022, online verfügbar unter https://mugo.hfmt-hamburg.de/de/topics/schallplattenunterhalter, zuletzt abgerufen am 30.09.2022.