Schallplatte

Zusammenfassung

Die Entwicklung der Schallplattenindustrie und der mit ihr zusammenhängenden nationalen Musikkultur in der DDR war nicht frei von Einflüssen aus dem Westen und dem sozialistischen Ausland, dennoch gibt es einige Merkmale, die für die DDR charakteristisch und einzigartig sind. Der VEB Deutsche Schallplatten Berlin (im Folgenden: DS) war Alleinhersteller von Tonträgern in der DDR und produzierte alle gängigen Schallplattenformate und Kassetten. Seine wichtigsten Labels waren Eterna (für klassische Musik, Opern, Operetten, politische Lieder sowie Volkslieder, Jazz und Kirchenmusik), Amiga (für Pop, Rock, Schlager, Volksmusik und Kindermusik), Litera (für gesprochenes Wort) und Nova (für Neue Musik). Eterna nahm mit etwa 60 % der gesamten Veröffentlichungen den größten Raum ein, rund die Hälfte des Gesamtabsatzes wurde jedoch von Amiga erzielt. Insgesamt wurden in der DDR von 1955 bis 1989 knapp 97 Millionen Tonträger verkauft, wobei gerade bei den Lizenzpressungen von „Westmusik“ zu vermuten ist, dass ihre Auflagenhöhe beträchtlich größer war als offiziell dokumentiert. Die Verkaufspreise für Schallplatten waren allgemein reguliert und blieben besonders in der Zeit der Vinylschallplatte stabil. So lag der Verkaufspreis von Langspielplatten des Labels Nova bei 10,10 Mark der DDR, von Litera und Eterna bei 12,10 Mark und von Amiga bei 16,10 Mark. Die unterschiedlichen Preise spiegelten auch die Verkaufserwartungen wider: Finanzielle Verluste in Sektoren wie der Neuen Musik wurden durch die rentable populäre Sparte bei Amiga gedeckt. Die wichtigsten Aufnahmestudios waren im Verlagssitz des VEB DS Berlin sowie in Leipzig und Dresden. Schallplatten waren ein wichtiger Teil des Devisenhandels: Alben und Kompilationen westlicher Künstler wurden in Lizenz hergestellt, während die Lizenzen eigener Produktionen, besonders im Klassikbereich, an westeuropäische Musikverlage verkauft wurden.

Bekannte Schallplatten-Stars bei Amiga und Eterna waren Achim Mentzel, Veronika Fischer, Manfred Krug und Frank Schöbel, der klassische Tenor Peter Schreier sowie die Rock-Bands Puhdys, Karat, Silly und City. Liedermachern wie Wolf Biermann und Gerhard Gundermann wurde der Zugang zu professionellen Tonstudios erschwert.

Schallplattenspieler und andere Audiogeräte für den Heimbereich wurden hauptsächlich von dem Herstellerverbund Rundfunk- und Fernmelde-Technik (RFT) mit den Hauptproduktionsorten Leipzig und Staßfurt hergestellt. Ebenfalls gab es wie im Westen das Phänomen des Discjockeys, er hieß Schallplattenunterhalter. Der so genannte SPU musste einen einjährigen Grundlehrgang mit anschließender Prüfung absolvieren. Auch die Tätigkeit des eigentlichen Plattenauflegens vor größerem Publikum unterlag strengen Reglements, bspw. durch die 60/40-Regel.

Die Schallplatte war auch in der späten Phase der DDR das wichtigste Medium für Musik, erst nach der Wende gab die Produktion von digitalen Tonträgern und Abspielgeräten. Aufgrund des zeitlich begrenzten, aber recht großen Korpus sind DDR-Schallplatten ein gutes Feld für Sammler. Besonders die Eterna- und Nova-Aufnahmen genießen aufgrund ihrer künstlerischen und Fertigungsqualität einen guten Ruf.

Geschichte

Auch wenn die Entwicklung der Schallplattenindustrie und der mit ihr zusammenhängenden nationalen Musikkultur in der DDR abhängig von Einflüssen aus dem Westen und dem sozialistischen Ausland war, gibt es einige Merkmale, die für die DDR – allein schon der deutschen Teilung geschuldet – charakteristisch und sogar einzigartig sind.

Der VEB DS fußt auf der von Sänger und Kommunist →Ernst Busch in der SBZ 1947 gegründeten Schallplattengesellschaft mbH „Lied der Zeit“. Busch musste 1953 trotz seiner Prominenz und seiner Kadertreue die Enteignung des Unternehmens über sich ergehen lassen. Nachdem das Unternehmen unter gleichem Namen in einen VEB überführt worden war, wurde es kurze Zeit später in VEB Deutsche Schallplatten umbenannt.

Der VEB DS hatte im Laufe seiner Wirkungszeit zahlreiche Aufnahmestudios, die wichtigsten fünf waren die drei im Verlagssitz Berlin und jeweils eins in Leipzig und Dresden. Neben diesen Studioaufnahmen wurden besonders in späterer Zeit und im Pop-Rock-Bereich auch Aufnahmen der Studios der Radiosender verlegt. Das Presswerk war in Potsdam-Babelsberg, die Kassetten wurden in Berlin-Johannisthal hergestellt.

In den Einführungen der Formate liest sich die, auch für andere Ostblock-Staaten typische, vier- oder mehrjährige Verzögerung der technischen Innovationen und Markteinführungen im Vergleich zum Westen sehr deutlich ab: Bis 1956 war die so genannte Schellackplatte, d.h. Normalrille auf 78 UpM, das einzige Tonträgerformat. Erst in diesem Jahr kam die kleine Vinyl-Schallplatte auf 17 cm (als Single oder EP) hinzu, die Pressung von Schellackplatten wurde erst 1961 aufgegeben. 1959 wurde (zunächst auf 25-cm-Platten) das LP-Format auf 33 UpM eingeführt und 1963 die 30-cm-LP. (Im Laufe des Jahres 1964 wurde das EP- und 25-cm-LP-Format vom Markt genommen.) Erst seit 1962 wurden Schallplatten auch auf Stereo geschnitten. Ab 1985 stellte Eterna auch Schallplatten im (von Teldec lizensierten) Direct Metal Mastering-Verfahren (DMM) her, die DMM-Platten kosteten 15,60 Mark.1Mathias Brüll: Jazz auf AMIGA. Die Jazz-Schallplatten des AMIGA-Labels von 1947 bis 1990, Berlin 2003, 6.

Schallplatten waren ein wichtiger Teil des Devisenhandels: Alben und Kompilation westlicher Künstler wurden in Lizenz hergestellt, während eigene Produktionen, besonders im Klassikbereich, an westliche Musikverlage verkauft wurden. Platten von Eterna wurden im Westen von Schallplattenfirmen wie Deutsche Grammophon, Telefunken, Ariola Eurodisc, Philips und EMO vertrieben, umgekehrt vertrieb Eterna Aufnahmen aus dem Westen in der DDR, mit der Deutschen Grammophon gab es in den 1950er Jahren auch Gemeinschaftsproduktionen.

Die am 1.1.1951 gegründete Anstalt zur Wahrung der Aufführungsrechte auf dem Gebiete der Musik (AWA) war die Gesellschaft für das Urheberrecht der Komponisten, Textverfasser und Arrangeure und damit auch für die Regelung von Tonaufnahmen zuständig. Daneben war sie mit der Einhaltung der am 1. Februar 1958 eingeführten 60/40-Regelung beauftragt: 60 % des Musikrepertoires im Rundfunk und auf öffentlichen Veranstaltungen mussten Werke von KünstlerInnen aus der DDR und dem sozialistischen Ausland sein.2Michael Rauhut: Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964 bis 1972 – Politik und Alltag, Berlin 1993, 44. Dadurch wurde der devisenpflichtige Anteil westlicher Musik auf 40 % gemindert, wodurch indirekt die Pop- und Rockmusik der DDR gefördert wurde. Bekannte Schallplatten-Stars bei Amiga und Eterna waren Achim Mentzel, Veronika Fischer, Manfred Krug und Frank Schöbel, der klassische Tenor Peter Schreier sowie die Rock-Bands Puhdys, Karat, Silly und City. Liedermachern wie Wolf Biermann und Gerhard Gundermann wurde der Zugang zu professionellen Tonstudios erschwert, der an englische und irische Musiktraditionen anknüpfenden Folkszene wurden im Zeitraum von 1980 bis 1990 gerade einmal 14 LPs zugesprochen.3Wolfgang Leyn: Volkes Lied und Vaters Staat. Die DDR-Folkszene 1976–1990, mit Beiträgen von Ralf Gehler und Reinhard Ständer, Berlin 2016, 129f.

Produktionen für den Westen

In der Anfangszeit der DDR wurden gerade im Pop-Segment sehr viele Schallplattenaufnahmen von dem durch die USA beeinflussten westdeutschen Musikmarkt und seinen Moden beeinflusst. So nahm u.a. der West-Berliner Kurt Reimann für Eterna und Amiga die Capri-Fischer und andere Lieder mit Italienbezug auf. Der von Catarina Valente zu Anfang des Jahres 1955 in der BRD sehr populäre Schlager Ganz Paris träumt von der Liebe – eine deutsche Fassung von Cole Porters I Love Paris aus dem Musical Can-Can (UA am 7.5.1953 im Shubert Theatre, New York) – wurde unmittelbar danach (im April 1955) von dem Rundfunk-Tanzorchester Leipzig unter der Leitung von Kurt Henkels und mit dem Gesang von Irma Baltuttis neu eingespielt und dabei völlig neu interpretiert (AM 1941): Während die Bandbegleitung bei Valente von starken dynamischen und dramatischen Kontrasten und dem Musette-Klang der Harmonika lebt, orientiert sich Baltuttis’ Begleitung eher an den Foxtrott der späten US-amerikanischen 1940er Jahre, jedoch mit einem hohen Produktionsaufwand (Bigband und klassisches Orchester mit Celesta, Streicher, eng gesetzte Posaunen im Stile Glenn Millers), wobei der Dur-Zusammenhang des Strophenmittelteils sich in Vor- und Zwischenspielen mit neuer Motivik wiederholt wiederfindet und dem Lied einen, dem Liedtext gut entsprechenden, versöhnlicheren Charakter gibt.

Der westdeutsche Sommerhit des Jahres 1951 Pack die Badehose ein hingegen wurde unter demselben Tanzorchester, diesmal mit dem Gesang von Erna Haffner (AM 1418, Berlin im Jahr 1951) kaum verändert, dafür aber dem Text der (West-)Berlin-Bezug ausgetrieben: Statt dem „Wannsee“ wird nun das „Strandbad“ angesteuert und der Weg führt nicht durch den „Grunewald“, sondern durch den „grünen Wald“. Auch das Lokalkolorit der Berliner Schnauze fällt weg („nischt“), und Haffner klingt um einiges erwachsener als der Kinderstar Conny Froboess.

Label der Single „Pack’ die Badehose ein“ (DDR-Version, 1951)

Label der Single „The Man I Love“ (DDR-Version, 1956)

Sogar Titel aus den USA oder englischsprachige Songs waren auf Schallplatten zu bekommen, neben etlichen Tanzmusik-Instrumentalversionen auch Kuriositäten wie The Man I Love von Gerd Natschinski und seinem Orchester und mit dem Gesang von Margot Friedländer und dem Gesangsensemble „den Bergols“ (11.200, Aufn. im Juni 1956). Auf dem Label wird zwar mit „(Ich liebe einen Mann)“ zusätzlich ein deutscher Titel angegeben, aber die West-Berlinerin Friedländer singt den Song komplett auf Englisch. Mit dem Mauerbau 1961 nahmen diese gemeinsamen Aufnahmen von Ost- und WestmusikerInnen im Bereich der populären Musik rapide ab.

Im Klassikbereich ist die ideologische Konkurrenzsituation zwischen West und Ost nicht so schwerwiegend gewesen, denn die Repertoirestücke der Klassik und Romantik waren weder im Schallplattenbereich noch in der Spielplanpolitik der Opern- und Konzerthäuser im gleichen Maße so ideologisch besetzt wie die tagesaktuelle Unterhaltungs- und Popmusik. Insofern waren auch nach dem Mauerfall Kollaborationen und Übernahmen von Aufnahmen einfacher. Historisches Repertoire, welches mit der Ideologie des Sozialismus unvereinbar war oder sich nur indifferent verhielt, wurde durch wissenschaftliche Begleittexte explizit in historischen Zusammenhängen dargestellt oder es wurden neue Traditionslinien ausgemacht, oder die vermeintlichen Werkaussagen wurden neu etikettiert, enthistorisiert und ideologisiert. Das betraf Volkslieder und volkstümliche Musik, historische Bauernlieder, Revolutionslieder und Märsche ebenso wie die Musik von Ludwig van Beethoven, Felix Mendelssohn Bartholdy, Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach.

Insofern konnten sich beim devisenmäßigen Austausch von Künstlerinnen und Künstler sowie Ensembles zwischen Ost und West alle Beteiligten auf den seit dem 19. Jahrhundert bewährten Konzept des gemeinsamen Sprach- und Kulturkreis der deutschen Nation beziehen und die gegenwärtigen Unterschiede der Lebensverhältnisse negieren. So singen in der Einspielung von Szenen aus der Oper Parsifal von Richard Wagner (Eterna 8 27 036, 1978) unter der Leitung von Herbert Kegel mit Beteiligung von ostdeutschen Ensembles und den beiden SolistInnen Gisela Schröter und Theo Adam zwei Stars aus dem Westen mit: der westdeutsche Tenor René Kollo und der dänische Bass Ulric Cold.

Wichtige prominente Ensembles, die bei Eterna aufgenommen wurden und durch den Export Devisen einbrachten, sind der Leipziger Thomanerchor und das Gewandhausorchester Leipzig, die Sächsische Staatskapelle Dresden, die Staatskapelle Berlin, das Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig, als einzelne prominente Künstler (vorwiegend Männer!) hervorzuheben sind die Dirigenten Kurt Masur und Herbert Kegel, der Komponist und Dirigent Hanns Eisler, der Tenor Peter Schreier und der Trompeter Ludwig Güttler.

Ganz anders sah es im Bereich der Neuen Musik aus, die von Nova vertrieben wurde. Komponisten wie Hanns Eisler, Paul Dessau oder Ruth Zechlin aber auch Komponisten der nachfolgenden bzw. Schülergeneration wie Reiner Bredemeyer und Friedrich Goldmann waren, bei aller Unterschiedlichkeit in der ideologischen Einstellung, der unmittelbaren Zensur ausgesetzt und arbeiteten sich in unterschiedlicher Weise und verschlüsselter Form an der SED-Diktatur ab.

Der VEB DS war, anders als andere Betriebsbereiche in der DDR, in der Lage, Valuta anzuhäufen und finanziell relativ unabhängig zu sein. Für den wirtschaftlichen Erfolg der DS waren besonders die von Eterna verlegten Klassik-Produktionen verantwortlich, aber auch vom unternehmerischen Geschick ihres langjährigen Generaldirektors (1955–1998) Harri Költzsch.4Sven Kube: Music Trade in the Slipstream of Cultural Diplomacy. Western Rock and Pop in a Fenced-in Record Market. In: Mario Dunkel und Sina A. Nitzsche (Hg.): Popular Music and Public Diplomacy. Transnational and Transdisciplinary Perspectives, Bielefeld 2018, 197–208, hier 199f.

Die relative Freiheit in Finanzfragen äußerte sich bei der Anschaffung von Studio-, Aufnahme- und Regeltechnik, Instrumenten und Aufnahmematerial (Tonbänder), dort wurde überwiegend aus dem Westen importiert. Dass auch Musikinstrumente aus dem Westen ein Statussymbol waren, zeigt das leicht ironisch angehauchte Bandportrait auf der Coverrückseite von Veronika Fischers Album „Aufstehn“ (Amiga 8 55 592, 1978). Neben dem Ibanez-E-Bass aus Japan finden sich vier ikonische Keyboard-Typen der damaligen Zeit, allesamt West-Produkte.

Cover (Rückseite) der LP Aufstehn (Veronika Fischer & Band, 1978)

Technik

Wie andere Industriezweige in der DDR auch, hatte aber auch die Schallplattenproduktion mit der Mangelwirtschaft zu kämpfen, besonders in den 1970er Jahren waren Pressmaterial und Pappe für die Umschlaghüllen Mangelware, so dass Pop- und Rock-Bands mitunter Jahre auf ihre Veröffentlichung bei Amiga warten mussten – ein weiteres Unsicherheitsmoment, das neben der willkürlichen Zensur die KünstlerInnen und Bands frustrierte.5Birgit und Michael Rauhut: AMIGA. Die Diskographie aller Rock- und Pop-Produktionen 1964–1990, Berlin 1999, 17f.

Die für die Wiedergabe der Tonträger notwendigen Schallplattenspieler sowie andere Audiogeräte für den Heimbereich wurden hauptsächlich von dem Herstellerverbund Rundfunk- und Fernmelde-Technik (RFT) mit den Hauptproduktionsorten Leipzig und Staßfurt hergestellt. Die dort gebauten Geräte wurden durchaus auch nach Westdeutschland und andere west- und osteuropäische Länder exportiert bspw. unter den Namen RFT, Universum, Bruns usw. Wie auch im Westeuropa und den USA waren auch in der DDR Lokale und Restaurants wichtige Ort zum Schallplattenspielen: So wurden ab 1960 etwa 1.500 Musikboxen der Marken Sachsenklang oder Polyhymat für das automatische und halbautomatische Abspielen von Single-Schallplatten im öffentlichen Raum gebaut.6Einen Überblick über die Jukebox-Modelle liefert die vom Unternehmen Stamann Musikboxen gestellte Internetseite Jukebox-World, http://www.jukebox-world.de/Forum/Archiv/DDR/DDR.htm (26.2.2020).

Ebenfalls gab es wie im Westen das Phänomen des Discjockeys, er hieß offiziell Schallplattenunterhalter (abgekürzt SPU). Reagierte die westdeutsche Branchenzeitschrift Musikmarkt 1965 auf den allgemeinen Trend der (männlichen und weiblichen) Club-Discjockeys mit einer eigenen „Club-Hit-Parade“, so sah die SED-Führung erst 1973 die Notwendigkeit, das Plattenauflegen mit dem im August dieses Jahres verabschiedeten „Diskothekengesetz“ zu regulieren. In diesem Gesetz und den daraus abgeleiteten Ordnungen waren neben den Veranstaltungsformen, den Details zur Verwendung von Tonträgern, der Pflicht zur Ausbildung, Prüfung und Registrierung und Ordnungsstrafmaßnahmen auch die Kosten und Honorare (vom Amateur bis zum Profi) festgelegt. Zeitweilig mussten der für die Stückauswahl zuständigen AWA im Voraus Titellisten abgegeben werden. Im Jahr 1976 fand in Karl-Marx-Stadt der „Erste Zentrale Leistungsvergleich“ für DJs aus dem Amateurbereich statt, ein landesweiter Wettbewerb mit lokalen und regionalen Vorentscheiden, bei dem DJs gegeneinander antraten und ihre Sets mit einem Motto vortrugen. Bewertet wurden neben der Musikauswahl auch Licht, Tontechnik und Moderation. Diesen Wettbewerben folgten noch andere.7Thomas Wilke: Diskotheken im Vergleich. Abendunterhaltung im Rampenlicht des sozialistischen Wettbewerbs, in: Sascha Trültzsch und ders. (Hg.): Heißer Sommer – Coole Beats. Zur populären Musik und ihren medialen Repräsentationen in der DDR, Frankfurt a.M. u.a. 2010, 193–212.

Spätzeit

Die Schallplatte war auch in der späten Phase der DDR das wichtigste Medium für Musik, Alben auf Musikkassetten erlangten in den 1980er Jahren nicht die Vorherrschaft wie in der BRD. Das lag sicher auch an der schlechten Situation der Tonbandindustrie, deren alleiniger Produktionsstandort die Filmfabrik Wolfen (ORWO) war: Leerkassetten wurden in der DDR ab 1972 unter dem Namen „ORWO“ produziert, deren Qualität erreicht aber nie den westlichen Standard, und sie waren mit einem anfänglichen Preis von 26 Mark unverhältnismäßig teuer. (Erst in den 1980ern fielen die Preise für Ferro-Kassetten bis auf 15 Mark, aber wer die Möglichkeit hatte, ließ sich Kassetten aus dem Westen schicken.) Compact-Disc-Player und CDs gab es nicht aus eigener Fertigung, die wenigen in den späten 1980er Jahren entstandenen CDs wurden von Supraphon in der damaligen ČSSR gepresst.

Der VEB DS wurde nach der Auflösung der DDR in die Deutsche Schallplatten Berlin GmbH überführt, die auch die Rechtsnachfolgerin war und einige Marken wie Litera weiterführte. 1991 wurden die Verwertungsrechte und Markenrechte weiterverkauft, unter anderem an die Bertelsmann Music Group die Kataloge von Amiga und Litera (später aufgegangen in die Sony Music Entertainment) und die edel music GmbH den Katalog von Eterna.

Erbe

Die in der DDR gefertigten Schallplatten sind aufgrund ihrer besonderen Entstehungsumstände und des zeitlich überschaubaren, aber doch großen Korpus – allein Amiga hat über 30.000 Einzeltitel verzeichnet – ein interessantes Feld, aber bislang vom Sammlermarkt noch nicht erschlossen. Besonders die Eterna- und Nova-Aufnahmen genießen aufgrund ihrer künstlerischen und Fertigungsqualität einen guten Ruf.

Es gibt verschiedene sehr ambitionierte Diskographien von Sammlern und Wissenschaftlern, die jeweils unterschiedliche Zeiträume, Genres oder Label abdecken (siehe Brüll 2003, Meyer-Rähnitz u.a. 2006, Rauhut und Rauhut 1999). Der wissenschaftliche Diskurs ist von biographischen und allgemeinhistorischen Ansätzen geprägt, ist jedoch – sicher auch aufgrund von Rauhuts prominenter Forschung in diesem Bereich – stark von der →Beat-Bewegung und dem Rock-Pop-Diskurs geprägt. Musikanalytische Ansätze zur auf den Schallplatten enthaltenen Musik sind rar. Der ganze Zeitraum der SBZ und der Schellackplattenzeit (also bis 1961!) ist bislang vorwiegend diskographisch erschlossen (Meyer-Rähnitz u.a. 2006 geben auch einen historischen Abriss). Die musikwirtschaftliche Komponente des VEB DS hat Kube 2018 in vorläufiger Weise zusammengefasst.

Literatur

Brüll, Mathias: Jazz auf AMIGA. Die Jazz-Schallplatten des AMIGA-Labels von 1947 bis 1990, Berlin 2003.

Kube, Sven: Music Trade in the Slipstream of Cultural Diplomacy. Western Rock and Pop in a Fenced-in Record Market, in: Mario Dunkel und Sina A. Nitzsche (Hg.): Popular Music and Public Diplomacy. Transnational and Transdisciplinary Perspectives, Bielefeld 2018, 197–208.

Meyer-Rähnitz, Bernd; Oehme, Frank und Schütte, Joachim: Die „Ewige Freundin“. Von Lied der Zeit zum VEB Deutsche Schallplatten Berlin (Schellack 1939–1961). Eine Firmen Discographie der Marken AMIGA, ETERNA und LIED DER ZEIT sowie Schallplatten auf RADIOPHON und REGINA nebst einem Vorwort, Dresden und Ústí nad Labem 2006.

Rauhut, Birgit und Michael: AMIGA. Die Diskographie aller Rock- und Pop-Produktionen 1964–1990, Berlin 1999.

Rauhut, Michael: Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964 bis 1972 – Politik und Alltag, Berlin 1993.

Trültzsch, Sascha und Wilke, Thomas (Hg.): Heißer Sommer – Coole Beats. Zur populären Musik und ihren medialen Repräsentationen in der DDR, Frankfurt a.M. u.a. 2010.

Anmerkungen

  1. Mathias Brüll: Jazz auf AMIGA. Die Jazz-Schallplatten des AMIGA-Labels von 1947 bis 1990, Berlin 2003, 6.
  2. Michael Rauhut: Beat in der Grauzone. DDR-Rock 1964 bis 1972 – Politik und Alltag, Berlin 1993, 44.
  3. Wolfgang Leyn: Volkes Lied und Vaters Staat. Die DDR-Folkszene 1976–1990, mit Beiträgen von Ralf Gehler und Reinhard Ständer, Berlin 2016, 129f.
  4. Sven Kube: Music Trade in the Slipstream of Cultural Diplomacy. Western Rock and Pop in a Fenced-in Record Market. In: Mario Dunkel und Sina A. Nitzsche (Hg.): Popular Music and Public Diplomacy. Transnational and Transdisciplinary Perspectives, Bielefeld 2018, 197–208, hier 199f.
  5. Birgit und Michael Rauhut: AMIGA. Die Diskographie aller Rock- und Pop-Produktionen 1964–1990, Berlin 1999, 17f.
  6. Einen Überblick über die Jukebox-Modelle liefert die vom Unternehmen Stamann Musikboxen gestellte Internetseite Jukebox-World, http://www.jukebox-world.de/Forum/Archiv/DDR/DDR.htm (26.2.2020).
  7. Thomas Wilke: Diskotheken im Vergleich. Abendunterhaltung im Rampenlicht des sozialistischen Wettbewerbs, in: Sascha Trültzsch und ders. (Hg.): Heißer Sommer – Coole Beats. Zur populären Musik und ihren medialen Repräsentationen in der DDR, Frankfurt a.M. u.a. 2010, 193–212.

Autor:innen

Zitierempfehlung

Knut Holtsträter, Artikel „Schallplatte“, in: Musikgeschichte Online, hg. von Lars Klingberg, Nina Noeske und Matthias Tischer, 2018ff. Stand vom 14.09.2022, online verfügbar unter https://mugo.hfmt-hamburg.de/de/topics/schallplatte, zuletzt abgerufen am 26.09.2022.