Bach-Rezeption

Zusammenfassung

Im Gegensatz zu fast allen anderen Bereichen in Kultur und Geisteswissenschaften konnte sich die Bach-Pflege der DDR in einer kulturpolitischen Nische entfalten. Versuche, das Œuvre Bachs im Interesse von Partei und Staatsführung ideologisch zu instrumentalisieren, erwiesen sich in der Praxis als kaum umsetzbar und wurden Anfang der 1980er Jahre daher weitgehend aufgegeben. Das parteipolitische Ansinnen, ein marxistisches Bach-Bild – vor allem mit dem Ziel, den ‚weltlichen‘ Komponisten Bach – herauszuarbeiten, kam über einige wenig evidente Publikationen in den 1950er Jahren kaum hinaus. Die rein philologische Bach-Forschung blieb Dank der Seriosität und Integrität fast aller Wissenschaftler frei von ideologischen Einflüssen. Nach der Gründung der DDR wurde der Versuch unternommen, die Werke Bachs in die ‚sozialistische Nationalkultur‘ mittels eines eigenen Bach-Bildes einzubinden. Die Vokalwerke (sowohl die geistlichen als auch die meisten weltlichen) erwiesen sich trotz ideologischer Leitlinien hierfür als nicht wirklich instrumentalisierbar. Sie wurden daher unter dem Gesichtspunkt der ‚Erbe-Rezeption‘ (gemäß der marxistisch-leninistischen Erbetheorie) begriffen.
Ungeachtet von Spaltungsversuchen blieb die Neue Bachgesellschaft (NBG) – dank der klugen Balancepolitik der aus Mitgliedern der DDR und der BRD paritätisch besetzten Leitungsgremien – eine gesamtdeutsche Vereinigung. Die Neue Bach-Ausgabe (NBA) war bis zum Ende der DDR durch das pragmatische Zusammenwirken der dafür verantwortlichen Verlage und Institutionen in Ost und West ein erfolgreiches gesamtdeutsches Editionsprojekt. Die Etablierung der historisch-orientierten Aufführungspraxis erwies sich bis zum Ende der DDR hingegen als schwierig. Teilweise wurde sie von Partei-Ideologen eher behindert als befördert.

Bach-Verständnis – Bach-Forschung – Bach-Konferenzen

Sogleich nach Gründung der DDR gab es Bestrebungen, die Vokalwerke Bachs in die ‚sozialistische Nationalkultur‘ mittels eines eigenen ‚marxistischen‘ Bach-Bildes einzubinden ‒ und zwar in Abkehr von der sogenannten ‚bürgerlichen‘ Bach-Forschung. Dieser Neuansatz – vor allem mit dem Ziel, den ‚weltlichen‘ Komponisten Bach herauszustellen – kam über einige wenig evidente Publikationen Anfang der 1950er Jahre kaum hinaus. (Walther Vetter beispielsweise ging in eine solche Richtung.1Walther Vetter: Der Kapellmeister Bach. Versuch einer Deutung Bachs auf Grund seines Wirkens als Kapellmeister in Köthen, Potsdam 1950.) Berechtigte kritische Fragen an das bürgerliche Bach-Bild ‒ 1950 beispielsweise von Georg Knepler gestellt ‒ sind in Ermangelung eigener Quellen- und Dokumentenforschung nicht weiterverfolgt worden. In diesem Zusammenhang wären auch einige gleichermaßen kritische Wissenschaftler wie Harry Goldschmidt zu erwähnen. Mitunter wurden ‒ u. a. von Ernst Hermann Meyer ‒ Hypothesen postuliert, für deren Untermauerung die Verfasser im Nachgang entsprechende Indizien nachzuliefern hofften. Die Herangehensweise geschah zum Teil selektiv und manchmal in Unkenntnis historischer Zusammenhänge. Fakten, die ein ‚marxistisches‘ Bach-Bild hätten infrage stellen können, wurden eher ignoriert. Letztlich existierten ‚marxistische‘ Bach-Auffassung und ‚bürgerliche‘ Bach-Forschung weitgehend beziehungslos nebeneinander, ohne dass es zwischen beiden Richtungen zu einem echten Disput kam. Im Verlauf von rund 25 Jahren mussten viele der einst von den marxistischen Verfechtern vorgebrachten Positionen (vor allem 1950 auf der Internationalen Bach-Tagung in Leipzig) nach und nach wieder aufgegeben werden, bis das Gedankenkonstrukt noch vor dem Ende der DDR in sich zusammenfiel. Im Bach-Jubiläumsjahr 1985 war dieser Zerfallsprozess bereits besiegelt. Dies kam im Prinzip einer „geistige[n] Kapitulation“ (so Rudolf Eller 1994) gleich.2Rudolf Eller: Bach-Pflege und Bach-Verständnis in zwei deutschen Diktaturen, in: Hans-Joachim Schulze, Ulrich Leisinger und Peter Wollny (Hg.): Passionsmusiken im Umfeld Johann Sebastian Bachs. Bach unter den Diktaturen 1933–1945 und 1945–1989. Bericht über die Wissenschaftliche Konferenz anläßlich des 69. Bach-Festes der Neuen Bachgesellschaft, Leipzig, 29. und 30. März 1994, Hildesheim, Zürich und New York 1995, 107–139, 138. Eine gewisse Erosion deutete sich aber bereits 1975 an, als auf der zweiten größeren Bach-Tagung der DDR einige der vormaligen Thesen zurückgenommen werden mussten. Aber noch bestand der Versuch, das 1950 einmal konstruierte Bach-Bild ‒ zumindest in Fragmenten ‒ ‚retten‘ zu wollen. Den Verfechtern war aber schon damals eines bewusst: Bachs Vokalwerke (sowohl die geistlichen als auch die meisten weltlichen) erwiesen sich trotz ideologischer Leitlinien seitens des Staates und der SED als parteipolitisch nicht instrumentalisierbar. Daher begriff man sie schon frühzeitig unter dem Gesichtspunkt der ‚Erbe-Rezeption‘, gemäß der marxistisch-leninistischen Erbetheorie, zuweilen wollte man Bach sogar als „Klassiker“ vereinnahmen.

Im Nachgang zum groß gefeierten Bach-Gedenkjahr 1950 wurde am 20. November 1950 in Leipzig das Bach-Archiv unter der Leitung von Werner Neumann gegründet. In der Folgezeit entfaltete sich das Institut zu einer führenden deutschen Forschungseinrichtung. Hier sind zahlreiche wissenschaftliche Standardwerke der Bach-Forschung erarbeitet beziehungsweise redaktionell betreut worden (darunter das seit 1904 publizierte Bach-Jahrbuch, das Bach-Kalendarium, die Bach-Dokumente sowie zahlreiche Bände der NBA). Nach Neumanns Emeritierung (1974) stand das Institut bis 1979 unter der kommissarischen Leitung von Hans-Joachim Schulze. 1979 wurde das Bach-Archiv in die Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Johann Sebastian Bach der DDR (kurz NFG Bach genannt) per Ministerratsbeschluss vom 29. März 1977 zwangsweise einverleibt. Als ursprünglich geplante Dachorganisation für alle Bach-Institutionen der DDR waren die NFG Bach u. a. mit dem Ziel etabliert worden, eine Bach-Monographie im Sinne eines marxistischen Bach-Verständnisses zu erarbeiten. Dieses wissenschaftliche Großprojekt war auch Teil des Gründungsbeschlusses. Es ist aber über Vorarbeiten zur Biographie Bachs kaum hinausgekommen. Einige davon sind später als separate, aber durchweg seriöse Beiträge publiziert worden. Spätestens 1979 war schon absehbar, dass eine ‚marxistische‘ Bach-Biographie zu schreiben, ein eher propagandistisches als realistisches Ziel sein würde ‒ zumindest aus der Sicht nicht systemkonformer Bach-Forscher in der DDR.

Ein 1974 von Rudolf Eller mehr als Frage angeregter Forschungsschwerpunkt, „Bach und die Aufklärung“, 1975 vom Forschungskollektiv Johann Sebastian Bach der Karl-Marx-Universität Leipzig aufgegriffen, wurde im Bach-Gedenkjahr 1985 – in Ermangelung von verbalen oder werkbezogenen Anhaltspunkten – faktisch wieder aufgegeben. Offiziell ist dies aber nicht eingeräumt worden. Zwischen dem universitären Forschungskollektiv und den NFG Bach kam es allerdings nie zu einer engeren Zusammenarbeit, allenfalls zu einem lockeren wissenschaftlichen Gedankenaustausch. In gewisser Weise bestand sogar eine Konkurrenz-Situation zwischen beiden Institutionen.

Einen deutschlandweiten Ruf genoss Rudolf Eller durch seine Forschungen und Publikationen zu Antonio Vivaldi und Johann Sebastian Bach. Eller war seit 1962 Lehrstuhlinhaber im Fach Musikwissenschaft und seit 1970 ordentlicher Professor an der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock.

Die quellenphilologische Bach-Forschung in der DDR war von ideologischen Einflüssen frei. Sie erfolgte von einzelnen Mitarbeitern der NFG Bach, von Fachkollegen anderer Institutionen sowie einzelnen Freischaffenden. Von diesen sind maßgebliche, zum Teil überragende wissenschaftliche Leistungen erbracht worden. Mitte der 1980er Jahre erfolgte eine Öffnung gegenüber der theologischen Bach-Forschung, wie sie in der DDR vor allem von Martin Petzoldt an der Sektion Theologie der Karl-Marx-Universität Leipzig geleistet wurde.3Siehe Martin Petzoldt: Zur Bachforschung an der Karl-Marx-Universität zu Leipzig seit 1974, in: Berliner Beiträge zur Musikwissenschaft 9 (1994) (= Beiheft zu Heft 3/1994 der Neuen Berlinischen Musikzeitung), 21–24; ders.: Erfahrungen mit der Verwendung des Aufklärungsbegriffs in der Bach-Forschung, in: Hans-Joachim Schulze, Ulrich Leisinger und Peter Wollny (Hg.): Passionsmusiken im Umfeld Johann Sebastian Bachs. Bach unter den Diktaturen 1933–1945 und 1945–1989. Bericht über die Wissenschaftliche Konferenz anläßlich des 69. Bach-Festes der Neuen Bachgesellschaft, Leipzig, 29. und 30. März 1994, Hildesheim, Zürich und New York 1995, 221–230. Dieses Zugeständnis seitens der Parteiideologen erfolgte wohl auch mit dem Ziel, die Bach-Forschung der DDR in die internationale Forschung mit einzubinden. Man war auf internationale Repräsentation angewiesen, zumal die DDR auf allen Ebenen um Anerkennung gerungen hat.

Da der wissenschaftliche Briefwechsel institutionell weitgehend überwacht war (Briefe wurden von den Institutsleitern häufig geöffnet, gelesen und in Ausnahmefällen sogar zensiert), korrespondierten einige Wissenschaftler mit Fachkollegen im sogenannten Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW) über ihre Privatadressen. Dass auch dieser Schriftwechsel kontrolliert wurde, war weitgehend bekannt.

Die Kulturideologen waren stets bemüht, den wissenschaftlichen Bach-Konferenzen in der DDR ein internationales Ansehen zu verleihen. Daher wurden grundsätzlich auch Fachkollegen aus der BRD und dem westlichen Ausland mit eingeladen. Allerdings war man streng auf ein paritätisches Verhältnis von Forschern der DDR zu Forschern der BRD und dem Ausland bedacht. Die Teilnahme von Forschern aus dem ‚Westen‘ war nicht in allen Zweigen der Geisteswissenschaften eine allgemein übliche Praxis. In umgekehrter Richtung erwies sich die Teilnahme von Bach-Forschern der DDR zu Konferenzen im NSW als schwierig. Oft ist diese von den staatlichen Behörden nicht genehmigt worden. Begründet wurde dies zumeist mit dem (tatsächlich bestehenden) Devisenmangel. Die Teilnahme von parteilosen Wissenschaftlern zu Konferenzen im NSW hatte zumeist nur dann Aussicht auf Genehmigung, wenn von den Veranstaltern zugleich auch Wissenschaftler aus dem Kreis der SED-Mitglieder mit eingeladen wurden. Außerdem mussten die dafür notwendigen finanziellen Mittel (zumeist die Aufenthaltskosten) von den Veranstaltern (Instituten) im NSW bereitgestellt werden – zumindest bei der Einladung von parteilosen Wissenschaftlern aus der DDR.

Der Erteilung einer Reisegenehmigung ging eine mehrmonatige Überprüfung des Antragstellers (vor allem von Seiten des Ministeriums des Innern und der Staatssicherheit) voraus. Erst in den späten 1980er Jahren wurde das dafür übliche Antragsverfahren entbürokratisiert. Infolgedessen erteilte das Ministerium des Innern deutlich mehr Genehmigungen für ‚Dienstreisen in das NSW‘. Im Wendejahr 1989 wurden für Forschungsreisen – zur Überraschung der Antragsteller – in Einzelfällen sogar Privatvisa zur mehrfachen Ausreise aus der DDR erteilt.

Zusammenfassend könnte vielleicht gesagt werden: Die relevante Bach-Forschung in der DDR war nicht systemkonform, die systemkonforme „Bach-Forschung“ hingegen eher nicht relevant.

Neue Bachgesellschaft – Bach-Jahrbuch

Ungeachtet von Spaltungsversuchen seitens staatlicher Organe der DDR blieb die NBG – dank der klugen Balancepolitik der aus Mitgliedern der DDR und der BRD paritätisch besetzten Leitungsgremien – eine gesamtdeutsche Vereinigung. Dieser Umstand ist letztlich auch auf das Engagement von Christhard Mahrenholz und die persönliche Einflussnahme von Hans Pischner zurückzuführen. Pischner war von 1956 bis 1963 Stellvertreter des Ministers für Kultur, später Mitglied des Zentralkomitees der SED und seit 1975 Vorsitzender der NBG. Trotz seines politischen Einflusses hat allerdings auch er nicht erwirken können, dass den NBG-Mitgliedern der DDR etwa Reisen zu Bachfesten im NSW gestattet worden sind. In solchen Fragen entschied letztlich das Ministerium des Innern bzw. die Staatssicherheit.

Das im Auftrag von der NBG herausgegebene Bach-Jahrbuch blieb bis zum Ende der DDR dank der Integrität und Seriosität seiner Redakteure (zunächst Alfred Dürr und Werner Neumann, seit 1975 Hans-Joachim Schulze und Christoph Wolff) von politischen Einflüssen frei. Das Jahrbuch war als wichtigstes wissenschaftliches Periodikum der Bach-Forschung weltweit anerkannt. Versuche von außen, es parteiideologisch zu vereinnahmen oder den Redakteuren gar zu entziehen, schlugen fehl und sind daraufhin aufgegeben worden.

Neue Bach-Ausgabe

Die NBA blieb bis zum Ende der DDR durch das pragmatische Zusammenwirken des Bärenreiter-Verlages (Kassel) mit dem Deutschen Verlag für Musik (Leipzig) ein erfolgreiches gesamtdeutsches Editionsprojekt, an dem ostdeutsche wie bundesdeutsche Bach-Forscher gleichermaßen aktiv mitgewirkt haben. Die Zusammenarbeit zwischen dem Bach-Archiv Leipzig – beziehungsweise seit 1979 den NFG Bach – und dem Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen verlief ungeachtet von zeitweiligen Reibungsverlusten weitgehend stabil und im korrekten Miteinander.

Deutsch-deutsche Zusammenarbeit bei der Herausgabe der Neuen Bach-Ausgabe: Am 19. Mai 1955 teilt Hans Albrecht (Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen) Hans-Georg Uszkoreit (Ministerium für Kultur der DDR) mit, dass das Kuratorium des Johann-Sebastian-Bach-Instituts seine Zustimmung zu der vereibarten Kooperation gegeben hat. Quelle: Bundesarchiv, DR-1/383

Der wissenschaftliche Austausch zwischen den Editoren beziehungsweise Bandbearbeitern in Ost und West erfolgte kollegial und zumeist freundschaftlich.

Im Anschluss an den Festakt zum Erscheinen der ersten Bände der Neuen Bach-Ausgabe 1955 in der Thomaskirche in Leipzig wurden die Mitglieder des Herausgebergremiums zu einer Kaffeetafel in das Gohliser Schlösschen geladen, damals Sitz des Bach-Archivs. Von links nach rechts: Alfred Dürr, Wilhelm Virneisel, Georg Engelmann (Deutscher Verlag für Musik), Wolfgang Schmieder, Rudolf Steglich, Wilibald Gurlitt, Hans Albrecht. Foto: Bach-Archiv Leipzig. Quelle: Die Neue Bach-Ausgabe 1954–2007. Eine Dokumentation, hg. vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Redaktion: Uwe Wolf, Kassel u.a. 2007, 29

Schwierig für Musikwissenschaftler der DDR war der Zugriff auf Quellenbestände in Bibliotheken der BRD, insbesondere der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz zu Berlin (West) und im westlichen Ausland. Bibliotheksreisen nach Berlin (West) wurden nach 1980 vom Ministerium für Kultur – allerdings zumeist mit Einschränkungen – gestattet. Die Ursachen für den erschwerten Zugang zu den Bibliotheksbeständen waren unüberbrückbare Differenzen zwischen der DDR und der BRD über den Rechtsstatus des Preußischen Kulturbesitzes. Allerdings konnten noch in den 1960er und 1970er Jahren Musikalien aus Berlin (West) und der BRD per Fernleihe in der DDR bestellt werden. Dieser Austausch funktionierte in beiden Richtungen – also auch von Ost nach West. Später wurde er eingestellt. Seit Anfang der 1980er Jahre musste die Benutzung der Originalhandschriften Bachs mit Rücksicht auf deren Erhaltungszustand in den Bibliotheken weitgehend eingeschränkt werden. Speziell für die Bandbearbeiter der NBA blieben die Quellen auf Grund von Sondergenehmigungen aber weiterhin zugänglich.

Aufführungspraxis

Als Folge der kulturpolitischen Abschottung gegenüber dem Westen war die DDR im Hinblick auf die historisch-orientierte Aufführungspraxis bis Mitte der 1980er Jahre eher ein ‚Entwicklungsland‘. Die Verbreitung von Bachs Werken erfolgte anfänglich in der durchaus hehren Absicht, sie einer größeren Hörerschaft zu vermitteln. Vereinzelte Versuche, weltliche Kantaten durch populärere Neutextierungen leichter rezipierbar zu machen, führten letztlich nicht zur gewünschten Breitenwirkung. Die im Bach-Jahr 1950 beispielsweise vom Verlag Volk und Wissen (Berlin und Leipzig) vorgelegte Neufassung der Kantate Mer hahn en neue Oberkeet (BWV 212) erfreute sich bei Schulchören zwar einiger Resonanz. Das Fernziel, die breite Masse (etwa bei den Arbeiterfestspielen) damit zu erreichen, wurde jedoch eher verfehlt. Später hat man auf derartige Bearbeitungen weitgehend verzichtet. Die Texte der weltlichen Kantaten passten ebenso wenig in das marxistisch-leninistische Weltbild wie die der geistlichen Kantaten. Beispielsweise wurde der Schlusschor „August lebe, lebe König!“ aus der Kantate BWV 207a für eine Aufführung anlässlich der 13. Arbeiterfestspiele in Leipzig (1971) zu „Friede, Friede unserm Lande“ umtextiert und einen Ganzton tiefer transponiert, da Laienchöre den stimmlichen Anforderungen des Originals nicht gewachsen waren. Freilich gab es (und gibt es noch immer) ähnliche Versuche in der kirchenmusikalischen Praxis.

Die Etablierung der historisch-orientierten Aufführungspraxis erwies sich bis zum Ende der DDR als schwierig. Teilweise wurde sie von Partei-Ideologen der DDR eher behindert als befördert, mit Unverständnis oder gar Argwohn betrachtet. Es gab zunächst nur wenige theoretische und praktische Ansätze, sich dieser Entwicklung zu stellen. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang die 1955 in Leipzig unter Dietrich Knothe gegründete Capella Lipsiensis. Ihr folgte 1957 ebenfalls in Leipzig die Capella Fidicinia unter Hans Grüß und 1959 das collegium instrumentale in Halle (Saale), 1972 kam es in Dresden zur Gründung der Cappella Sagittariana, initiiert u. a. von Wolfram Steude. Zu jener Zeit war die historisch-orientierte Aufführungspraxis noch immer in einer musealen Nische verortet. Selbst im Bach-Jubiläumsjahr 1985 postulierte einer der führenden Repräsentanten der DDR-Kulturpolitik, jene Art des Musizierens sei kaum mehr als eine westeuropäische Modeerscheinung, die sich auf längere Sicht wohl kaum etablieren werde. Freilich gab es auch von namhaften Musikwissenschaftlern und Interpreten der BRD derartige kontraproduktive Standpunkte. Nur gestaltete sich die Entwicklung in Westeuropa von äußerer kulturpolitischer Einflussnahme als weitgehend frei.

Als am weitesten richtungsweisend galt in der DDR die 1982 gegründete Akademie für Alte Musik in Berlin (Ost). Jedoch war dieses überwiegend aus jungen Musikern bestehende Ensemble zunächst nirgendwo institutionell verankert und somit ‚unkontrollierbar‘, was dem ‚Weltbild‘ einiger Kulturpolitiker eher suspekt erscheinen musste. Eine ‚freie‘ klassische Musikszene hatte sich in der DDR lange Zeit kaum entfalten können – und selbst Ende der 1980er Jahre geschah dies nur zögerlich. Trotz mancherlei kulturpolitischer Hürden – vor allem in der Anfangszeit – konnte sich die Akademie für Alte Musik Berlin zu einem weltweit führenden Barock-Ensemble etablieren. Nach einigen Rundfunkaufnahmen wurde dem Ensemble 1987 eine erste Schallplatteneinspielung bei dem Label ETERNA ermöglicht.

Die Gründung des Neuen Bachischen Collegium Musicum in Leipzig war der Versuch, den Anschluss an den ‚Westen‘ hinsichtlich der Aufführungspraxis – zumindest in Ansätzen – zu suchen.

Als ein weiteres Hindernis in dieser Richtung erwies sich der Mangel an ‚historischem‘ Instrumentarium – d. h. es gab in der DDR zunächst nur wenige Instrumentenmacher, die sich auf den Nachbau von solchen Instrumenten spezialisiert hatten. Für den ‚Import‘ aus dem NSW waren Devisen erforderlich. Diese standen dafür aber kaum zur Verfügung. Die Akademie für Alte Musik Berlin beispielsweise musizierte anfänglich auf Instrumenten aus der Privatsammlung des Potsdamer Musikers Peter Liersch. Dieser wurde später auch Mitglied des Ensembles. Die bereits genannte Capella Fidicinia war mit dem Musikinstrumentenmuseum der Karl-Marx-Universität Leipzig eng verbunden. Daher konnte sie auf historische Instrumente aus dessen Fundus zurückgreifen. Diese wurden den Musikern unbürokratisch zur Verfügung gestellt. Der Leiter jenes Ensembles, Hans Grüß, war einer der führenden Musikwissenschaftler der DDR und einer der Spezialisten für Alte Musik. Aus dieser Konstellation ergab sich eine effiziente Verbindung von Theorie und Praxis. Immerhin war das Ensemble an verschiedenen erfolgreichen Schallplatteneinspielungen bei dem Label ETERNA beteiligt, 1983 an der Einspielung der Motetten J. S. Bachs (BWV 225–230) mit dem Rostocker Motettenchor unter der Leitung des Kirchenmusikdirektors Hartwig Eschenburg.

Kirchenchöre und staatliche Orchester

Ein Problem, das von den örtlichen Behörden keineswegs einheitlich gelöst worden ist, war für Kirchenchöre der DDR die Zusammenarbeit mit staatlichen Orchestern. Freie Musikervereinigungen, die man dafür hätte gewinnen können, gab es bis 1989 nur sehr wenige. Mancherorts wurde die Mitwirkung staatlicher Orchester von den Behörden zwar offiziell untersagt, aber inoffiziell dann doch wieder geduldet. An einigen Orten (etwa in Leipzig oder Eisenach) war sie – wenn auch verbunden mit manchen Reibungsverlusten – weitgehend möglich. Andernorts konnte die Mitwirkung von Musikern staatlicher Orchester bei Kirchenkonzerten auch zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen führen. Das betraf letztlich auch Musikstudenten der DDR, denen im Extremfall die Exmatrikulation drohen konnte. Eine landesweit einheitliche Verfahrensweise gab es freilich nicht, zumal sich die führenden Vertreter der einzelnen Landeskirchen differenziert zum SED-Regime positionierten. (Der thüringische Landesbischof Moritz Mitzenheim ist wegen seiner Annährungspolitik in den 1960er Jahren zuweilen kritisiert worden. Sein Nachfolger Ingo Braecklein war Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit.) Häufig wurde auf Plakaten und Programmen von Kirchenkonzerten lapidar „ein Orchester“ genannt.

Als verhängnisvoll erwies sich die Vita einiger Kirchenmusiker, als deren enge Anpassung an das NS-Regime – etwa durch die Zugehörigkeit zum 1939 gegründeten Eisenacher ‚Entjudungsinstitut‘4Die offizielle Bezeichnung war „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“. – bekannt wurde. Dessen Akademischer Direktor, Walter Grundmann, wurde 1954 zum Rektor des Eisenacher Katechetenseminars berufen. In diesem Amt war er auch für die Ausbildung der Studierenden der Eisenacher Kirchenmusikschule verantwortlich. (Grundmann arbeitete von 1956 bis 1969 außerdem als IM für das Ministerium für Staatssicherheit.) Nach Kriegsende war der nationalsozialistische Ungeist selbst unter Kirchenmusikern nicht gänzlich ausgeräumt.

Druckerzeugnisse unterlagen in der DDR prinzipiell einer Genehmigungspflicht durch die örtlichen Behörden. Die Erlaubnis wurde zumeist erteilt, manchmal allerdings unter Auflagen.

Immerhin wurden die Kirchenkantaten Bachs bis zur Wende ohne Unterbrechung am Sonntagvormittag in (älteren oder aktuellen) Aufnahmen mit dem Thomanerchor Leipzig im DDR-Rundfunk gesendet. Nach dem Weggang von Kurt Thomas (1960) wurde dessen Name bei den Rundfunkübertragungen zunächst verschwiegen. In den ausgestrahlten sonntäglichen Rundfunkgottesdiensten war die Mitwirkung von Kirchenchören uneingeschränkt möglich.

Als eher unproblematisch erwies sich die bezahlte Freistellung von Kirchenchormitgliedern für Proben, Konzerte oder gar Konzertreisen. Es mag überraschen, dass diese nicht selten unbürokratisch von staatlichen Betrieben oder Institutionen erteilt worden sind.

Bachfeste in der DDR

Die von der NBG ausgerichteten Bachfeste erfolgten im turnusmäßigen Wechsel zwischen Ost und West (DDR, BRD – ausnahmsweise auch in der ČSSR, Österreich und Frankreich). Als bescheidener Ausgleich dafür, dass DDR-Bürgern (mit Ausnahme derer im Rentenalter) Reisen zu den Bachfesten im ‚Westen‘ versagt blieben, wurden seit 1979 abwechselnd in verschiedenen Bezirksstädten der DDR (Erfurt 1979, Gera 1980 und 1982, Potsdam 1983, Frankfurt/O. 1984, Rostock 1986, Magdeburg 1988) ‚kleine‘ Bach-Feste („Bachtage der Sektion DDR der Neuen Bachgesellschaft“) veranstaltet. Dies geschah dann, wenn ein Bachfest im NSW stattfand.

Die geistlichen Kantaten und Oratorien Bachs waren stets ein fester Bestandteil der NBG-Bachfeste in der DDR. 1981 wurde das Leipziger Bachfest ausnahmsweise – und abweichend von vorherigen Planungen – in den Dezember verlegt, um die weihnachtlichen Vokalwerke Bachs zur geeigneten Zeit im Kirchenjahr aufführen zu können. Aufführungen des Weihnachts-Oratoriums außerhalb der Advents- und Weihnachtszeit – wie sie schon vor 1989 etwa in Stuttgart oder Ansbach erfolgen – haben seinerzeit in der DDR nicht stattgefunden. Insgesamt ergab sich dennoch ein Defizit bezüglich der Aufführung von Kirchenkantaten im Rahmen der Bachfeste in der DDR. Dieses resultierte auch aus der Nichteinbeziehung von Kirchenkantoreien bei den eintrittspflichtigen Hauptkonzerten der Bachfeste. Aufführungen von Kirchenchören wurden nur im Anhang der Bachfest-Programmbücher mit angekündigt.

Freie, vom Staat schwer zu kontrollierende Chorvereinigungen gab es bis 1989 noch relativ wenige. Hierzu gehören der schon 1969 vom späteren Leipziger Universitätsmusikdirektor Wolfgang Unger ins Leben gerufene Thüringer Akademische Singkreis, der vom nachmaligen Thomaskantor Georg Christoph Biller 1976 gegründete Leipziger Vokalkreis oder das 1984 in Leipzig von Gotthold Schwarz (später ebenfalls Thomaskantor) gegründete Concerto Vocale. Das waren Chöre, denen man professionelle Aufführungen im Rahmen von internationalen Bachfesten durchaus anvertrauen konnte. Da erschien es schon beinahe als eine kulturpolitische Sensation, als der Rostocker Motettenchor (angebunden an die dortige Johanniskantorei) die zum Bachfest 1977 in Schwerin aufgeführten Bach-Motetten im Jahre 1983 in der Leipziger Paul-Gerhardt-Kirche für die Bach-Edition des VEB Deutsche Schallplatten Dank der Initiative von Reimar Bluth aufnehmen durfte. Das Aufnahmeprojekt blieb nicht unwidersprochen. Der damalige Thomaskantor Hans-Joachim Rotzsch protestierte, weil dergleichen Produktionen eigentlich in den Aufgabenbereich des Leipziger Thomaskantors gehören würden. Als Kompensation für die faktische Nichtbeteiligung von Kirchenchören im Bachfest der NBG 1985 wurde auf Initiative von Landeskirchenmusikdirektor Hans-Joachim Schwinger noch im selben Jahr das kirchliche Bachfest in Leipzig veranstaltet. In dessen Folge kam es in Leipzig sogar zur kompletten Aufführung von Bachs erstem Leipziger Kantatenjahrgang.

Offiziell verfolgten die Staatsorgane der DDR die in der Verfassung verankerte strikte Trennung von Kirche und Staat. Was innerhalb der Kirchenmauern stattfand, entzog sich ungeachtet dessen nicht der staatlichen Einflussnahme. Der vom Staatssekretär für Kirchenfragen Klaus Gysi vertretene Grundsatz: „Wir achten sie, aber wir beachten sie nicht“,5Zitiert nach Hartwig Eschenburg: Kirchenmusik und Bach-Pflege in der DDR, in: Hans-Joachim Schulze, Ulrich Leisinger und Peter Wollny (Hg.): Passionsmusiken im Umfeld Johann Sebastian Bachs. Bach unter den Diktaturen 1933–1945 und 1945–1989. Bericht über die Wissenschaftliche Konferenz anläßlich des 69. Bach-Festes der Neuen Bachgesellschaft, Leipzig, 29. und 30. März 1994, Hildesheim, Zürich und New York 1995, 253–256, 254. war – bezogen auf die tatsächliche Praxis – insofern eher rhetorisch als faktisch. Denn natürlich interessierte es das Ministerium für Staatssicherheit, was in den Räumen der Kirchen tatsächlich geschah.

Westreisen von Kirchenmusikern und Kirchenchören

Das Monopol für die Vermittlung von Reisen in das NSW lag einzig und allein bei der staatlichen Künstler-Agentur der DDR in Berlin. Nach dem Mauerbau (1961) waren für Kirchenchöre der DDR Auftritte im NSW faktisch unmöglich. Erst nach etlichen Fehlschlägen wurde etwa dem Rostocker Motettenchor 1989 eine Reise in die BRD ermöglicht. Gastspiele im NSW sind nur wenigen nichtstaatlichen Chören wie dem Synagogalchor Leipzig gestattet worden. Dagegen erwiesen sich Reisen von Organisten der DDR (wenngleich mit Hürden) als weniger problematisch – vor allem dann, wenn damit die Erwirtschaftung von dringend benötigten Devisen für die DDR verbunden war. Die in der BRD erhaltenen Honorare mussten zu einem von der Künstler-Agentur festgelegten Prozentsatz 1 : 1 in Mark der DDR verrechnet werden. Etlichen Kirchenmusikern blieb die Ausreise aus der DDR zu Konzerten im NSW allerdings versagt. 

VEB Deutsche Schallplatten

Für die Bach-Rezeption in der DDR erwies sich das Wirken des staatlichen Schallplattenkonzerns VEB Deutsche Schallplatten durchaus als verdienstvoll. Bedingt durch die limitierten Produktionskapazitäten konnte bis 1989 jedoch nicht das gesamte Œuvre Bachs in eigenen Aufnahmen oder Lizenzproduktionen vorgelegt werden. Eine Edition aller Kantaten Bachs erwies sich daher als unerreichbar. Zwar gab es mit dem Blick auf das Bach-Jubiläumsjahr 1985 hochfliegende Pläne, doch konnten diese nur teilweise realisiert werden. Die Orgelwerke lagen immerhin in einer 23 Schallplatten umfassenden Gesamteinspielung (Bachs Orgelwerke auf Silbermannorgeln) vor.

Natürlich waren die großen Vokalwerke Bachs (Johannes-Passion, Matthäus-Passion, Weihnachts-Oratorium, h-Moll-Messe, Magnificat, Motetten) auf Schallplatten mit teilweise Referenzcharakter erhältlich. Doch war die Nachfrage zuweilen größer als das tatsächliche Angebot. Von den im Jahre 1975 geplanten und angekündigten 63 Kirchenkantaten sind am Ende nur 32 aufgenommen und veröffentlicht worden. Daher versuchten ambitionierte Sammler, möglichst viele Schallplatten aus der BRD oder dem westlichen Ausland zu erlangen – beziehungsweise aus der ČSSR und Ungarn, wo (eher als in der DDR) Lizenz-Aufnahmen aus dem NSW erhältlich waren. In der BRD konnte die erste Gesamteinspielung der Kirchenkantaten Bachs (unter der Leitung von Helmuth Rilling) allerdings erst 1985 abgeschlossen werden.

Erste Kantatenaufnahmen erschienen in der DDR bereits vor 1960 mit dem Thomanerchor Leipzig unter der Leitung von Günther Ramin und Kurt Thomas. Von 1964 bis 1966 wurde eine zwölf Langspielplatten umfassende Kantatenreihe mit dem Thomanerchor unter Ramin vorgelegt. Diese basiert auf Live-Mitschnitten des Staatlichen Rundfunks der DDR in der Thomaskirche zu Leipzig aus den frühen 1950er Jahren.

Der VEB Deutsche Schallplatten produzierte in den Folgejahren vor allem im Hinblick auf die Absatzmöglichkeiten im NSW. So kam es zur Aufnahme aller weltlichen Kantaten, weil die Archiv Produktion der Deutschen Grammophon-Gesellschaft (in der Verantwortung von Andreas Holschneider) vitales Interesse bei VEB Deutsche Schallplatten signalisiert hatte. Ariola in München übernahm die Kantatenaufnahmen mit dem Thomanerchor in Lizenz. Die Kyrie-Gloria-Messen (BWV 233–236) wurden mit dem Dresdner Kreuzchor produziert, weil in der BRD davon noch keine Referenzaufnahmen erhältlich waren. Noch im Frühjahr 1989 bestand der Plan, Kirchenkantaten mit dem Leipziger Favorit- und Capellchor (dieser bestand aus Mitgliedern des Leipziger Rundfunkchors) und der Akademie für Alte Musik Berlin unter dem Dirigat von Hermann Max (BRD) zu produzieren. Infolge der höchst umstrittenen Abwicklung des staatlichen Schallplattenkonzerns durch die Treuhandanstalt wurde das Vorhaben jedoch nicht mehr realisiert.

Eine enge Kooperation ergab sich vor allem zwischen dem VEB Deutsche Schallplatten und der westdeutschen Firma Capriccio, die eine Edition Bach Leipzig herausbrachte. Der VEB Deutsche Schallplatten produzierte seit 1981 mit japanischer Aufnahmetechnik (digital), da in der DDR noch keine vergleichbaren Aufnahmegeräte hergestellt worden sind.

Fazit

Die hier vorgelegten Ausführungen ergeben noch kein schlüssiges und vor allem kein allgemeingültiges Bild von der Bach-Rezeption in der DDR. Zusammenfassend kann jedoch – freilich mit der gebotenen Vorsicht – gesagt werden: Im Gegensatz zu fast allen anderen Bereichen in Kultur und Geisteswissenschaften konnte sich die Bach-Pflege der DDR mehr oder weniger in einer kulturpolitischen Nische entfalten. Versuche, das Œuvre Bachs im Interesse der Partei und Staatsführung ideologisch zu instrumentalisieren, erwiesen sich in der Praxis als kaum umsetzbar und wurden Anfang der 1980er Jahre daher weitgehend aufgegeben.

Anmerkungen

  1. Walther Vetter: Der Kapellmeister Bach. Versuch einer Deutung Bachs auf Grund seines Wirkens als Kapellmeister in Köthen, Potsdam 1950.
  2. Rudolf Eller: Bach-Pflege und Bach-Verständnis in zwei deutschen Diktaturen, in: Hans-Joachim Schulze, Ulrich Leisinger und Peter Wollny (Hg.): Passionsmusiken im Umfeld Johann Sebastian Bachs. Bach unter den Diktaturen 1933–1945 und 1945–1989. Bericht über die Wissenschaftliche Konferenz anläßlich des 69. Bach-Festes der Neuen Bachgesellschaft, Leipzig, 29. und 30. März 1994, Hildesheim, Zürich und New York 1995, 107–139, 138
  3. Siehe Martin Petzoldt: Zur Bachforschung an der Karl-Marx-Universität zu Leipzig seit 1974, in: Berliner Beiträge zur Musikwissenschaft 9 (1994) (= Beiheft zu Heft 3/1994 der Neuen Berlinischen Musikzeitung), 21–24; ders.: Erfahrungen mit der Verwendung des Aufklärungsbegriffs in der Bach-Forschung, in: Hans-Joachim Schulze, Ulrich Leisinger und Peter Wollny (Hg.): Passionsmusiken im Umfeld Johann Sebastian Bachs. Bach unter den Diktaturen 1933–1945 und 1945–1989. Bericht über die Wissenschaftliche Konferenz anläßlich des 69. Bach-Festes der Neuen Bachgesellschaft, Leipzig, 29. und 30. März 1994, Hildesheim, Zürich und New York 1995, 221–230.
  4. Die offizielle Bezeichnung war „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“.
  5. Zitiert nach Hartwig Eschenburg: Kirchenmusik und Bach-Pflege in der DDR, in: Hans-Joachim Schulze, Ulrich Leisinger und Peter Wollny (Hg.): Passionsmusiken im Umfeld Johann Sebastian Bachs. Bach unter den Diktaturen 1933–1945 und 1945–1989. Bericht über die Wissenschaftliche Konferenz anläßlich des 69. Bach-Festes der Neuen Bachgesellschaft, Leipzig, 29. und 30. März 1994, Hildesheim, Zürich und New York 1995, 253–256, 254.

Autor:innen

Zitierempfehlung

Andreas Glöckner, Artikel „Bach-Rezeption“, in: Musikgeschichte Online, hg. von Lars Klingberg, Nina Noeske und Matthias Tischer, 2018ff. Stand vom 14.09.2022, online verfügbar unter https://mugo.hfmt-hamburg.de/de/topics/bach-rezeption, zuletzt abgerufen am 30.09.2022.